Dienstag, 26. April 2016

Vaterkomplex






…oder „Ein Plädoyer für die Hündin“.

Wir leben in einer Männerwelt und interessanter Weise, sieht es in der Hundezucht nicht anders aus. Die ganze Hundewelt scheint einen riesigen Vaterkomplex zu haben.  Beworben wird ein Wurf fast immer über den (oft namhaften) Vater, wenn man sich über einen Hund erkundigt, fragt man zuerst nach dem Vater, immer nur Vater, Vater, Vater….
 
Auf die Spitze getrieben hat diesen Vaterkomplex die Pferdezucht. Wer einmal Verlaufsanzeigen für Pferde gelesen hat, den beschleicht sehr schnell das Gefühl, dass man hier die Mutter komplett abgeschafft hat. Beworben wird ein Pferd mit dem Vater, dem MV (Muttervater) als dem Großvater mütterlicherseits und auch noch dem MMV, dem Vater der Großmutter mütterlicherseits. Manchmal stößt man noch auf die Werbung mit dem „Mutterstamm“. Aber anders als bei den Hengsten zählen hier nicht die einzelnen großen Namen und Leistungen, sondern das genetische Kollektiv, das dahintersteht.

Ganz so extrem ist die Lage in der Hundezucht noch nicht, aber es beschleicht einen auch hier immer wieder das Gefühl, als sei die Hündin nur notwendiges Übel zur Zucht, auf das man keinen besonderen Wert bei der Auswahl legen muss. Oftmals beschleicht einen das Gefühl, dass mit dem gezüchtet wird, was man eben gerade hat und da auch schlicht bereit ist, bei der Hündin Abstriche zu machen, während die Anforderungen an den Rüden umso höher sind.

Auch auf die Ausbildung legt man bei der Zuchthündin nicht denselben Wert, wie beim Deckrüden. Ich habe mir einmal die Zeit genommen und diesen Sachverhalt in einer kleinen Statistik zusammengefasst.
Ein Wort vorweg: Mir ist bewusst, dass diese kleine Erhebung nicht wissenschaftlich valide ist und dass der ein oder andere auch an der Vorgehensweise herummeckern wird. Ich habe mich an Tag X (genau genommen dem 15.04.2016) hingesetzt und habe in der Zuchtdatenbank von Working Dog die ersten hundert eingetragenen FCI Zuchten für die drei betrachteten Rassen (DSH, Dobermann, Malinois) genommen und die vorhandenen AKZ von Rüde und Hündin gezählt. Berücksichtigt habe ich hierbei nur IPO, Ringsport und KNPV – man möge mir verzeihen, dass ich französisch, belgisch Ring und Mondio einfach zusammengezählt habe. Nicht miteingerechnet habe ich nationale Zuchttests, Wesenstests, Teilprüfungen der IPO oder auch die IPO VO, ebenso wenig die Talentsichtung. Des Weiteren fielen Hunde unter die Rubrik „ohne weiterführendes AKZ“ die als „Security Dog“ oder „Diensthund im Wachschutz“ betitelt wurden oder als „geführt in XY“ oder „in Vorbereitung auf XY“ – meist mit dem Hinweis auf die unglaubliche Härte des Hundes und des Problems ihn auf Prüfungen zu führen – beworben werden, ohne dass ein AKZ jenseits der BH/VT oder einer BGH eingetragen ist. Und man möge mir verzeihen, dass ich bei den vier KNPV Hunden auf eine genauere Unterscheidung verzichtet habe.

Beim Deutschen Schäferhund zeigte sich die Kluft zwischen Rüde und Hündin am Deutlichsten. 78 der Deckrüden hatten eine IPO III, während nur 26 Hündinnen soweit ausgebildet waren. 37 Hündinnen waren mit IPO I in der Zucht, acht Stück hatten die IPO II und 29 hatten kein weiterführendes Ausbildungskennzeichen. Zum Vergleich waren nur zehn Rüden ohne AKZ als Deckrüden eingesetzt worden, acht hatten eine IPO I und vier die IPO II. Bevor an dieser Stelle schon die ersten Beschwerden kommen, sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass in Deutschland und Österreich die IPO I zur Zuchtzulassung gehört, in anderen FCI Ländern aber auch der DSH nicht zwingend ein AKZ für die Zucht benötigt.
Beim Dobermann zeigt sich ein ähnliches Bild, allerdings mit einer – für einen Gebrauchshund – erschreckenden Entwicklung bei den Hündinnen. Hier waren insgesamt 56 ohne weiterführendes AKZ in der Zucht. Bei den Rüden waren es immer noch 24, allerdings hatte man auch bei immerhin 55 Rüden die IPO III in der Leistungsurkunde stehen, während nur 24 Hündinnen soweit ausgebildet waren. Zwölf Rüden und elf Hündinnen hatten eine IPO I, je acht Tiere beiderlei Geschlechts hatten die IPO II und je ein Hund beiderlei Geschlechts hatte Ring/Mondio Kat.2.
Der traurige Spitzenreiter in Sachen „schlechtere Ausbildung für die Zuchthündin“ belegte in dieser kleinen Stichprobe der Malinois mit 62 Hündinnen ohne weiterführendes AKZ. Bei den Rüden waren es 29 Stück, während 41 Deckrüden eine IPO III aufwiesen. Bei den Hündinnen waren es nur 23. Je vier Hunde beiderlei Geschlechts hatten die IPO I und je sechs die IPO II. Ein Rüde wurde mit Ring/Mondio Kat.1 und drei mit Ring/Mondio Kat.2 aufgeführt. In Ring/Mondio Kat.3 waren 13 Deckrüden und vier Hündinnen vertreten, sowie drei Rüden und eine Hündin mit KNPV.

Eine Menge Zahlen, die leider den Eindruck erhärten, dass man bei der Hündin leider oftmals nur das Allernötigste für die Zuchtzulassung erarbeitet und man sie dann in der Zucht verschwinden lässt.
Es ist schade, dass man immer noch so wenigen Hündinnen die Chance gibt, ihr wahres Potential zu zeigen. Leider legen aber auch viel zu wenige Welpenkäufer wirklich wert auf die Mutterhündin. Gesucht wird immer nach dem nächsten Wurf des einen oder anderen Rüden, manchmal driftet man auch schon in Richtung der Pferdezüchter ab und sucht auch die Mutter nach ihrem (möglichst) namhaften Vater.

Wie uns schon der Biologieunterricht der 9. Klasse lehrte, 50% des genetischen Materials steuert die Mutter bei. Nicht zu vergessen, dass die Mutterhündin in der Regel das einzige Elternteil ist, das direkten Einfluss auf die Entwicklung der Welpen nach der Geburt hat. Der Deckrüde ist meist nicht vor Ort und so kann sich die Nachzucht nur am Verhalten der Mutter orientieren. Eine unsichere und gestresste Hündin ist eine denkbar schlechte Begleitung für den Nachwuchs bei seinen ersten Schritten ins neue Leben.  Daher sollte man sich ebenso viel Mühe bei der Auswahl und Ausbildung der Zuchthündin geben, wie bei der des Deckrüden.

Bleibt zu hoffen, dass sich wieder mehr Züchter und Welpenkäufer darauf besinnen, dass es bei der Zucht nicht nur auf den Deckrüden ankommt und man sich nach und nach vom herrschenden Vaterkomplex lösen kann. 

Mittwoch, 13. April 2016

Udo Gansloßer (Hrsg.) – Hunde aus dem Ausland



Unser elftes Buch.
 
In der Reihe „Expertenwissen für Hundeprofis“ hat Herausgeber und Autor Udo Gansloßer eine Artikelsammlung rund um das Thema „Hunde aus dem Ausland“ veröffentlicht. Hundetrainer, Tierärzte und Kynologen befassen sich in Beiträgen von unterschiedlicher Länge mit den Bereichen Gesundheit, Tierschutz vor Ort, Herkunft der Straßenhunde und weiteren Themen rund um die Hunde aus dem Ausland.
 
Den Beginn macht ein Erfahrungsbericht der Tierärztin Sophie Strodtbeck, die aus eigener Erfahrung die negativen Folgen einer unüberlegten „Rettung“ eines Hundes für Tier und Halter beschreibt. Immer mit einem kleinen Augenzwinkern, aber doch stets mit den richtigen Worten für die Dramatik der Situation schildert sie die Erlebnisse und Entbehrungen, die nichts mit der von vielen Tierschützern gerne beworbenen Idylle mit den dankbaren und pflegeleichten Südländern zu tun haben.
Weitere Artikel beschäftigen sich mit der sozialen Struktur der Straßenhunde in den Ursprungsländern und der Frage, ob und bis wann es diesen Tieren möglich ist, sich aus diesem Umfeld wieder in die menschliche Obhut zu begeben und sich dort an die Anforderungen des Lebens als Familienhund anzupassen. An dieser Stelle sei gesagt, dass ich diese beiden Artikel von Gansloßer als die schwächsten im Buch empfinde. Sie sind zwar sehr wissenschaftlich geschrieben, beschränken sich aber bei der Frage des „Hundes aus dem Ausland“ ausschließlich auf die wirklichen Straßenhundpopulationen und lassen dabei die deutlich vielfältigeren Herkunftsmöglichkeiten der Auslandshunde im Tierschutz außer Acht.
Deutlich interessanter und auch für Interessenten wertvoller empfinde ich hier den Artikel von Gerd Leder, der sich mit der Frage nach der Herkunft und ursprünglichen Aufgabe der Hunde beschäftigt. Ausgehend von den einzelnen Ursprungsländern, arbeitet er auf, aus welchen Aufgabengebieten, die Tiere im Großteil der Fälle stammen, welche Hundetypen und Rasseeigenschaften man am Häufigsten antrifft und was das für den künftigen Halter bedeutet.
Sehr umfangreich setzt sich Jennifer Jensen mit den medizinischen Aspekten und Risiken des Imports auseinander. Auch wenn Viele an dieser Stelle mit den Augen rollen dürften, weil sie den „kranken Auslandshund“ als abgenutztes Klischee sehen, ist es wohl eines der wichtigsten Themen. Die Autorin geht im Einzelnen auf die typischen „Südländererkrankungen“ ein, behandelt aber auch Parasiten und das Sticker Sarkom in ihren Ausführungen. Dabei wird nicht blind Panik verbreitet, sondern sehr objektiv darauf eingegangen, wie die Krankheiten erkannt und behandelt werden können, wie sie übertragen werden und ob die Gefahr einer Ansteckung durch importierte Hunde besteht.
Nach einem kurzen Artikel zum Arbeitsschutz und einem weiteren Beitrag zu „trainieren und leben mit Auslandshunden“ schließt das Buch mit einem umfassenden Bericht von Elke Deininger und Katrin Umlauf zur Hilfestellung und Populationskontrolle vor Ort. In ihrem Beitrag „Zur Tierschutzproblematik der so genannten Straßenhunde im Ausland“ beschreiben sie am Modellprojekt Odessa, wie Tierschutz im Ausland nachhaltig sein kann. Anhand von Langzeitbeobachtungen und Diagrammen erläutern sie, wieso weder das Einfangen und Vermitteln noch die oft durchgeführten Tötungsaktionen wirklich einen Einfluss auf die Straßenhundpopulation nehmen können und konnten und präsentieren das Kastrationsprogramm, das nach langen Verhandlungen in Odessa begonnen und mit Erfolg weitergeführt wird. Durch das Einfangen, Kastrieren und wieder in ihrem ursprünglichen Revier Aussetzen der Straßenhunde konnte das Wachstum der Population zuerst zurückgedrängt werden und dann allmählich ein stetiger und stabiler Rückgang verzeichnet werden.
 
Im Großen und Ganzen lässt sich sagen, dass sich „Hunde aus dem Ausland“ in erster Linie kritisch mit dem Thema „Einfuhr ausländischer Tierschutzhunde“ auseinandersetzt. Wer nette Geschichten von dankbaren, geretteten Hunden erwartet, wird hier enttäuscht werden, ebenso wenig bietet das Buch eine Anleitung zur Adoption eines Hundes aus dem Ausland. Wer sich jedoch mit den Grundlagen des nachhaltigen Auslandstierschutzes, den Mittelmeerkrankheiten und den rassegeschichtlichen Hintergründen der Auslandshunde vertraut machen möchte, dürfte hier eine gute Basis finden.

 
Als nächstes Buch auf der Leseliste:
Thomas Baumann – Früh übt sich, …

Dienstag, 8. März 2016

Hund vs. Kind




Als ich aufgewachsen bin, war der Hund der beste Freund des Menschen und ganz speziell des Kindes. Ein glückliches Kind hatte als besten Freund einen Vierbeiner an seiner Seite und die Medien unterstützten dieses Bild, wo es nur ging. Timmy hatte seine Lassie, Old Jello verteidigte die Kinder seiner Familie bis zu seinem Tod und sowohl die Fünf Freunde als auch die kleinen Strolche wären ohne ihren vierbeinigen Begleiter nicht vollständig gewesen.

Sieht man sich heute um, ist der Hund entweder eine Bedrohung oder doch zumindest die direkte Konkurrenz, die Schuld am Kinderelend ist. Dabei ist es immer seltener die Gefahr, die durch potentielle Bissverletzungen und sonstige Übergriffe durch Hunde ausgeht. Fürchtete man nach dem Vorfall in Hamburg vor 16 Jahren vornehmlich die Aggression bei Hunden und sah in ihr eine Bedrohung für Kinder, ist es jetzt schon die bloße Existenz der Tiere, die angeblich die Kinder und ihre Bedürfnisse gefährden.

Erst heute bin ich in den Untiefen von Facebook wieder auf ein Statement gestoßen, dass mich etwas ratlos zurückließ. In einer Gruppe die sich die „Hundefreiheit Bayerns“ auf die Fahnen geschrieben hat – immerhin haben sich nur 50 Unterstützer in drei Jahren zusammengefunden – stellte eine Dame die Frage: „Wie soll ich meinem Kind erklären, dass dort draußen Leute Geld für Echtlederhalsbänder, Luxushundefutter und Hundespielzeug ausgeben, während wir am Monatsende das Essen nicht mehr bezahlen können?“
Ob es sich hier um eine reale Person handelt oder einen fiktiven Account, der nur die Denkungsweise der Gruppengründer stützen soll, sei mal dahingestellt, denn solche und ähnliche Argumente findet man immer wieder, auch im Alltag. Ich selbst habe es selbst schon ein dutzend Mal und mehr erlebt, man unterhält sich und das Thema kommt irgendwie auf eine Ausgabe, die man für die Hunde getätigt hat und sofort kommt als Reaktion „Findest du das nicht übertrieben? In Deutschland gibt es Kinder, die hungern müssen."
Ein Argument, das mit dem Ausgangsgespräch so viel zu tun hat, wie die Information, dass das Gras grün ist, wenn man nach der Uhrzeit gefragt hat und einen meist sprachlos zurücklässt. Natürlich gibt es Leid und Armut in Deutschland und der ganzen Welt, quer durch alle Alters- und Gesellschaftsschichten, aber hat das wirklich etwas damit zu tun, dass irgendjemand seinem Hund ein neues Halsband gekauft hat?

Ich habe mir vor vier Jahren einen Dobermannwelpen als Zweithund gekauft. Seitdem habe ich immer noch den gleichen Beruf, wohne zusammen mit meinem langjährigen Lebensgefährten in einem Haus, betreibe Hundesport, treffe mich mit Freunden, gehe meinen Hobbies nach und natürlich gebe ich Geld für meine Hunde aus. Eine Bekannte wurde im gleichen Zeitraum ungewollt schwanger, hat zusammen mit dem Kindsvater einen Berg Schulden angehäuft, weil keiner von beiden einen Schulabschluss, eine abgeschlossene Berufsausbildung oder auch nur je in seinem Leben einen Job gehabt hätte, den er länger als die ersten paar Wochen Probezeit durchgestanden hätte, aber beide für das neue Familienleben ordentlich Geld ausgeben wollten. Heute ist sie alleinerziehend, der Vater zahlt keinen Unterhalt und der Schuldenberg sitzt der arbeitslosen Singlemutter drohend im Nacken.
Nach der Logik der Leute, die obigen Facebook Post konzipiert und für gut befunden haben, wäre das Leben meiner Bekannten und ihres Kindes besser, wenn ich damals vor vier Jahren nicht den Hund, sondern ein paar Versace Pumps gekauft hätte. Kann man so einen ausgemachten Blödsinn denn wirklich glauben?
Glaubt wirklich jemand, dass in Deutschland ein Kind mehr und/oder gesünder zu Essen bekommt, weil ein Hundehalter am anderen Ende der Republik seinem Fifi ab jetzt statt Bio Rinderhack nur noch Discounterfutter in den Napf kippt? Oder wird es Kindern, die häusliche Gewalt erleben, bessergehen, wenn Bello ab sofort jeden Tag einen Tritt in die Rippen bekommt und sein Herrchen sich nicht mehr über moderne Erziehungsmethoden informiert?

Trauriger Weise stürzen sich auch die Medien jenseits der sozialen Plattformen nur zu gerne auf dieses Thema und stellen dem Hund automatisch das Kind als direkten Konkurrenten gegenüber. Selbst in den Beiträgen der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, gehört diese Kombination zur Standartausstattung. Wer es nicht glaubt, soll sich bei den „seriösen“ Sendeformaten einmal auf die Lauer legen. Früher oder später gibt es bei diesen „gehobenen“ Talkrunden immer wieder ein Haustierthema oder eine kleine Reportage, über die Deutschen und ihre Vierbeiner. Faszinierenderweise wird den Tierhaltern neben dem obligatorischen Tierhasser – der jedoch oftmals mehr Karikatur als ernstzunehmender Kritiker ist – immer ein Sprecher eines Kinderschutzvereins gegenübergesetzt. In allen Fällen hat Herr X oder Frau Y vom Kinderschutzbund der Diskussion nichts hinzuzufügen, außer gegen Ende, wenn er/sie vom Moderator direkt zu einem Statement aufgefordert wird, auf die vielen unterprivilegierten und vernachlässigten Kinder in unserem Land hinzuweißen. Man könnte auch einmal einen Sprecher der deutschen Krebshilfe einladen, einen Vertreter von „Würdevoll Leben im Pflegefall“ oder eine Kämpferin für die Gleichberechtigung für körperlich versehrte Menschen in der Arbeitswelt. Sie alle könnten von Spenden profitieren und Gutes tun. Doch nein, es muss immer und jedes Mal der Repräsentant der Rechte der Kinder sein. Zum Fisch serviert man Weißwein und zum Hundethema muss es das verarmte Kind sein.

Wer trotzdem verbissen an der Vorstellung festhalten möchte, dass es zwischen der Haustierhaltung und dem Lebensstandard deutscher Kinder einen feststehenden kausalen Zusammenhang gibt, sollte bedenken: Auch in der Industrie die ihr Dasein auf der Existenz der deutschen Hunde gründet, arbeiten Menschen mit Kindern...



Sonntag, 6. März 2016

Diagnose: Alter



Wir leben in einer Zeit und einer Gesellschaft, in der Alter und Altern immer mehr als Makel gilt. Wer mit 45 nicht mehr genau so fit und schlank ist, wie mit 15, wird misstrauisch beäugt, graue Haare oder gar Falten gelten schon fast als ein Ausdruck von Charakterschwäche. Im Leben der Menschen herrscht vieler Orts der Jugendwahn und auch vor dem besten Freund des Menschen macht diese verschrobene Einstellung zum Altern nicht halt.

Wie sein zweibeiniger Begleiter, ist es auch für den Hund heutzutage unschicklich, alt zu werden. Machen sich mit neuen Jahren erste Ermüdungserscheinungen bemerkbar oder entwickelt Hund mit zehn Jahren erste Anzeichen von Arthrose, wird oft gemutmaßt, was der Besitzer wohl falsch gemacht haben könnte oder es startet eine neue Runde Rassehundebashing. Denn mit gerade mal 10 Jahren geht es ja nicht an, dass Hund grau um die Schnauze wird und sich an nasskalten Tagen etwas schwerer mit dem Aufstehen tut. Da muss schon der Züchter etwas verbockt haben oder es um die Gesundheit der ganzen Rasse schon schlimm stehen, anders kann man sich so etwas nicht vorstellen.

Es wird schon misstrauisch beobachtet, wenn ein Hund erwachsen wird und sich nicht das dauerkindliche Wesen bewahrt, doch wenn er gar alt wird, ist es für viele Halter eine Katastrophe. Alt werden und alt sein hat die großen Hundeseuchen als Schreckgespenst abgelöst und muss mit aller Macht bekämpft werden. Klickt man sich durch die Gesundheitsecken und Futterratgeber online, findet man allerorten Hilfe suchende Hundehalter. Der 14jährige Labrador hat Krebs und man braucht dringend Tipps für Heilkräuter, die da noch helfen können, weil der dumme Tierarzt nichts mehr machen will und die 10jährige Dogge läuft unrund, also muss man jetzt schnell von Trockenfutter auf BARF umstellen, denn das ist ja gesünder. Sich damit abfinden, dass Hunde auch alt werden und damit auch viele Veränderungen einhergehen, ist für viele leider nicht denkbar.

Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Hundehalter, die das Alter ihres Vierbeiners glorifizieren. Von „weisen“ Hunden und „großen Seelen“ ist da dann oft die Rede, meist in Zusammenhang mit Tieren aus dem Tierschutz. Alles ist herrlich und wunderbar und von einer großen Seelenverwandtschaft getragen, die man angeblich nur bei alten Hunden finden kann. Die Tatsache, dass mit dem Alter oft veränderte Bedürfnisse und Krankheit einhergehen, wird, wenn überhaupt nur als kleine Fußnote angemerkt, denn die Weisheit der großen Seele neben sich, macht das alles wieder weg. Oftmals wäre jedoch praktisch, wenn der weise Begleiter einem sagen könnte, woher man das Geld für Dauermedikation, Physiotherapie und alternative Behandlungsmethoden nehmen soll, wenn die Tücken des Alters einen voll treffen.

Jeder, der schon einmal einen jungen Hund verloren hat, wird sich immer wünschen, das Leben mit dem Senior erleben zu dürfen. Dennoch sollte man auch diesen Lebensabschnitt nicht romantisch verklärt betrachten, sondern sich der Realität stellen. Das Leben mit einem alten Hund hat seine schönen Seiten und es ist auch nicht von einem Tag auf den nächsten alles teuer, trist und traurig. Doch mit der Zeit ändert sich vieles. Chronische Erkrankungen gehören in den meisten Fällen früher oder später mit zum Alltag und egal zu wie vielen Ärzten man läuft und wie viele überteuerte Wunderkräutermischungen man auf Anraten von Online-Experten gekauft hat, mit einigem wird man lernen müssen zu leben. Auch wird sich der Charakter nie wieder zurück zu dem überdrehten Junghund zurück ändern.
Veränderte Beschäftigung, veränderte Gewohnheiten, verändertes Futter, all das gehört in vielen Fällen zum Leben mit dem älter werdenden Hund und ist kein Grund zur Verunsicherung. Das Alter beim Hund ist weder eine grausame Erkrankung die man bekämpfen muss, so wie es die Jugendwahnanhänger tun, noch ist sie der allein seligmachende Zustand, zu dem es andere verklären. Die Seniorenzeit des Hundes ist, was sie ist, eine Lebensphase mit eigenen Bedürfnissen, die man akzeptieren muss und in der man, wie in allen anderen Lebensabschnitten, die individuellen Bedürfnisse seines Hundes respektieren sollte.


Samstag, 27. Februar 2016

Der Verein, das unbekannte Wesen




Bereits in „Wo sind all die Sportler hin?“ ging es zum Teil um die Sportvereine und die (Fehl)Vorstellungen rund um das Vereinsleben. Doch ein aktueller Artikel in einem Magazin bringt mich an dieser Stelle dazu, mich mit diesem Thema noch einmal etwas expliziter auseinander zu setzen.

Der Hundeverein im Generellen und der Schäferhundeverein im Speziellen hat, wenn man sich so umsieht, nicht den besten Ruf. Ausschlaggebend für diesen Eintrag war jedoch ein Artikel zu Gruppenzwang in Vereinen. Um es kurz zu machen, der Verein und besonders der Gebrauchshundeverein ist ein Ort, an dem keine eigene Meinung geduldet, in Gruppen im Kreis gelaufen, mit vorsintflutlichen Methoden ausgebildet wird und an dem im Rudel neue Mitglieder in die richtige geistige Haltung oder vom Platz gemobbt werden. In Hundeschulen scheint es solche Probleme nicht zu geben – zumindest werden sie von der Autorin mit keinem Wort erwähnt – und wer in einem modernen Verein arbeiten will, muss ihn selbst gründen, gerade in der Gebrauchshundewelt.
Eigentlich schätze ich das Magazin, das diesen Bericht veröffentlichte, sehr und auch das Thema Gruppenzwang unter Hundehaltern hat durchaus seinen Reiz. Nur diese extrem einseitige und auf eine bestimmte Gruppe gemünzte Darstellungsweise, hat mich sehr enttäuscht und mir stellt sich die Frage, ob die Berufshundetrainer zurzeit wieder um ihre Kunden fürchten und in den Vereinen eine derartige Konkurrenz sehen, dass solche pauschal abwertenden Berichte und Kommentare notwendig sind, um sich einen Vorteil am Markt zu verschaffen.
Die ersten hundlichen Gehversuche habe ich vor fast 20 Jahren im SV gestartet, eine wirkliche Alternative gab es damals nicht. Ab 2006 habe ich mein Glück in diversen Hundeschulen versucht und mir über mehrere Jahre verschiedene der „modernen“ Sportarten und Erziehungsmethoden angesehen und ausprobiert. Vor knapp vier Jahren führte der Weg zurück in den IPO Sport und den SV. Ich habe viel gesehen und noch mehr gehört und die Geschichten rund um die Vereine waren immer die gleichen, auch aus dem Mund derer, die noch nie ein Vereinsgelände betreten hatten.

Was ist also dran und den Vorurteilen rund um den Verein?

Vorurteil 1: Im Verein wird in der Gruppe im Kreis gelaufen

Vermutlich die erste Vorstellung, die die meisten Leute vom Training im Verein haben. Der Meinung der Nicht-Vereinsleute nach, gehen wir alle in großen Gruppen auf den Hundeplatz, laufen beim Training im Kreis herum und spulen auf unserer Kreisbahn eine Übung nach der anderen ab.

Um ehrlich zu sein, ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich jemals beim Training im Kreis gelaufen bin – ausgenommen der Zeit, als mein Hund in der UO weder Kehrtwende noch Winkel beherrschte und ich irgendwie umdrehen musste – und den letzten Gruppenunterricht, in dem ich mir den Trainer mit fünf weiteren Hund-Halter-Teams teilen musste, die gleichzeitig mit mir auf dem Platz waren, hatte ich in der Hundeschule. Aber in der Hundeschule ist der Gruppenunterricht ja auch viel besser und nichts Kritikwürdiges, immerhin kostet er mindestens 25€ und man läuft dabei nicht im Kreis, sondern nebeneinander auf dem Platz auf und ab.
Es gibt nur ein „Event“ bei dem es im Verein noch Usus ist, in der Gruppe auch mal im Kreis zu laufen und das ist der Erziehungskurs. Natürlich kann man auch bei dieser einen Veranstaltung meckern, dass es nicht zeitgemäß ist und die individuelle Betreuung fehlt, aber für einen Preis von 5 bis 7,50€ die Stunde, in der der Trainer auch mehr damit beschäftigt ist, den Leuten zu erklären, warum die Hunde an der Leine nicht spielen sollen, was der Unterschied zwischen Bestätigen und Bestechen ist und wieso es nichts bringt ein Kommando 50mal zu wiederholen, wäre das schon Jammern auf extrem hohem Niveau. Zumal es für jene, die nach dem Schnupperkurs weiterarbeiten wollen, Einzeltraining (fast) für lau gibt, wie für jedes aktive Vereinsmitglied.

Vorurteil 2: Im Verein trägt man Flecktarn und der Ton ist militärisch

Das Modediktat herrscht auch auf dem Hundeplatz, wer hier nicht standesgemäß im Flecktarn durch den Matsch stapft, fällt auf wie der sprichwörtliche bunte Hund, weiß der Vereinsverweigerer.
Ich muss gestehen, auch ich stand schon diverse Male in Flecktarn am Hundeplatz, wahlweise in den Variationen Desert, Night oder Neon. Zu meiner Verteidigung sei gesagt, das war zu Beginn des 21. Jahrhunderts, zu einer Zeit in der man in Flecktarnhose und bauchfreiem Top in Olivgrün mit Militärdruck auch an jedem Türsteher in der Disco problemlos vorbeikam.
Auf den Hundeplätzen der Republik sieht man die Flecktarnhose heute deutlich seltener, sie ist in weiten Teilen dem zeit- und ideologielosen Design von Engelbert Strauss gewichen. Dort wo sie noch anzutreffen ist, sollte man sich immer vor Augen führen, dass die Hose nicht zwingend Ausdruck einer bestimmten Denkungsrichtung sein muss. Manchmal haben Männer auch schlicht und ergreifend keinen (oder einen sehr miserablen) Modegeschmack.
Passend zum vermeintlichen Lieblingskleidungsstück soll auch der Ton sein, militärisch. Ich stelle mir dieses Bild gerne in Kombination mit Vorurteil 1 vor… der Drill Instructor steht im Mittelpunkt des Kreises stramm, die Hände straff an den Seiten seiner Flecktarnhose angelegt, beobachtet seine Rekruten, die im Kreis um ihn rum marschieren und brüllt von Zeit zu Zeit in zackigem Ton „Abteilung links um, Marsch!“ Nein, ich möchte eigentlich nicht näher darauf eingehen, wieso diese Vorstellung unsinnig ist. Schon allein beim Gedanken daran muss ich lachen, im realen Leben würde ich vermutlich vor Lachen über meine eigenen Füße fallen und die ganze Kompanie zu Fall bringen, sollte mir so eine Situation je begegnen.

Vorurteil 3: Im Verein muss man sich anpassen, sonst wird man gemobbt

Ein relativ heikles Thema, das meiner Meinung nach zu platt und zu verallgemeinernd behandelt wird und deutlich mehr Fingerspitzengefühl bedarf. Leider wird jedes Contra geben einer Gruppe heutzutage sofort als Mobbing abgestempelt, aber gleichzeitig durch diese inflationäre Verwendung des Begriffs echtes Mobbing schnell bagatellisiert.
In den meisten Fällen ist die Frage weniger, welche Meinung ich vertrete, als wie ich sie vertrete. Marschiere ich natürlich gerade als Neuling über dem Platz und verkünde in jeder möglichen und unmöglichen Situation im Brustton der Überzeugung, dass alles was um mich herum passiert Mist ist und die Trainingskollegen alle keine Ahnung haben, darf ich mich nicht wundern, wenn mir wenig Gegenliebe zuteil wird. Vernünftig argumentiert und ohne übergriffig und beleidigend gegenüber anderen zu werden, wird so ziemlich alles akzeptiert, was den Verein nicht in Verruf bringt, den Trainingsbetrieb stört oder andere gefährdet.
Natürlich wird sich immer irgendwo ein Kritiker finden, der vom Kaffeetisch aus weiß, dass es nichts bringt, aber wenn man das gleich als Mobbing einstuft, sollte man die Definition des Wortes noch einmal nachschlagen.
Sicherlich kann es Mobbing auch unter Hundlern geben. Auch auf dem Hundeplatz trainieren nur Menschen und dort finden sich wie im realen Leben alle guten und schlechten Eigenschaften der Mitmenschen, zum Standardrepertoire des Sportvereins gehört die Mobbinggruppe aber nicht. Wer mit einem Clicker im IPO Verein trainieren möchte, wird wesentlich öfter auf Toleranz treffen, als der Hundehalter der seinen Hund in der gewaltfrei beworbenen Hundeschule am Kettenhalsband führen möchte.

Vorurteil 4: Im Verein gibt es keine qualifizierten Trainer

Eine sehr überhebliche Einstellung, wenn man bedenkt, dass zu Zeiten in denen jeder Hans Wurst ohne auch nur einem Funken kynologischen Wissens mit einem Gewerbeschein für 30€ Hundetrainer sein konnte, in den Vereinen bereits jeder Übungsleiter einen Sachkundenachweis und ein Praxisseminar ablegen musste, welches zur Verlängerung der Trainerlizenz regelmäßig wiederholt werden musste. Seit kurzem haben die Hundeschultrainer mit Einführung des verpflichtenden §11 endlich gleichgezogen und obwohl man da deutlich hinterherhinkt in der Entwicklung, blickt man immer noch gerne auf die Ausbilder der Vereine hinab.
Hier kommt vermutlich die alte Überzeugung durch, dass was nichts kostet auch nichts wert ist. Training im Verein ist günstig, also wird es von vielen als minderwertig angesehen. Wer etwas kann, stellt sich schließlich nicht für lauf bei Wind und Wetter auf den Platz und gibt Wissen weiter, dass er in gewerblichen Hundeschulen für gutes Geld verlaufen könnte...
Glücklicherweise findet man in den Vereinen genügend Trainer, die anders denken. Aber auch hier gilt wie überall, es gibt versierte Ausbilder und es gibt Pfuscher. Allerdings hat man diese Spannbreite auch in den gewerblichen Hundeschulen.

Vorurteil 5: Im Verein wird mit Gewalt erzogen

Das Lieblingsargument vieler Vereinsgegner. Im Verein herrscht das Gesetz der Gewalt, es wird getreten, geschlagen, geschrien, gewürgt…. Manchmal beschleicht einen das Gefühl, dass diese Gewaltphantasien wesentlich mehr über die vermeintlichen Gewaltgegner aussagen, als über die angeblichen Täter. Ich habe in nun beinahe 20 Jahren viele unschöne Trainingsmethoden gesehen, teils geduldet, teils verpönt, doch eines hatten sie alle gemeinsam: Sie wurden nie von allen angewandt, aber man fand sie in allen Bereichen.  Egal ob vermeintlich Zwang freie Hundeschule beim Junghundtraining, Spaßgruppe beim Fun-Agility-Training oder IPO Sportler, überall gab es Hundeführer, die die Grenzen überschritten in der Berechnung so schneller zum Ziel zu kommen.

Gewalt existiert überall und man wird immer Menschen finden, die sie akzeptieren. Und wieder ist dieser Fakt nicht an das Vereinsdasein gebunden.

Vorurteil 6: Im Verein kann ich bei den kurzen Trainingszeiten nichts lernen

Anders als in den meisten Hundeschulen sind die Aktiven Trainingszeiten, die man mit Hund auf dem Platz steht relativ kurz. Man wird es nicht erleben, dass man eine volle Stunde auf dem Platz herumläuft und Übung um Übung abspult. Kurze individuelle Trainingseinheiten mit Einzelbetreuung durch den Trainer prägen im Verein den Übungsbetrieb. Dabei arbeitet man selten länger als zehn Minuten am Stück mit dem eigenen Hund. Natürlich kann man mehrere Einheiten während dem Training einbauen, doch auf eine volle Stunde Arbeitszeit wird wohl niemand an einem Trainingsnachmittag kommen.
Leider herrscht in vielen Köpfen noch immer das Prinzip „viel hilft viel“. Sprich je länger man am Stück trainiert, desto mehr lernt der Hund an diesem Tag. Wer also nur zweimal 10 Minuten während des Übungsbetriebs arbeitet, verschwendet viel Zeit und kann nicht vorankommen. Leider vergessen Hundeführer mit dieser Einstellung zwei Dinge: Auch beim Hund ist die Konzentrationsfähigkeit irgendwann am Ende und wer einen geistig erschöpften Hund weiterhin durchs Training schleift, weil die bezahlte Stunde noch nicht um ist, wird mit Sicherheit weniger Fortschritte erzielen, als jemand der mit einem aufmerksamen, motivierten Hund zehn Minuten arbeitet. Und leider haben auch noch viele nicht begriffen, dass man auch ohne Hund an der Leine weiterlernen kann. Viel zu Wenige nutzen die Möglichkeit an den Trainingseinheiten der anderen teilzunehmen, zu beobachten, zu reflektieren und weiter zu lernen. Wer nach seinen zehn Minuten den Vierbeiner ins Auto packt und in bester Hundeschulmanier nach geleisteter Arbeit einfach verschwindet, beraubt sich dieser großen Chance im Vereinstraining und wird im Lernerfolg immer ins Hintertreffen geraten.

Vorurteil 7: Im Verein sind neue Sportarten nicht willkommen

Da kommt man voller Motivation in den Verein, absolviert brav seinen Grundkurs, macht die Begleithundeprüfung und eigentlich würde man gerne DogDance oder Agility machen, aber der furchtbare Verein bietet nur IPO an und weigert sich unverständlicherweise, das für einen zu ändern.
Nein, das ist nicht überspitzt formuliert, sondern passiert genau so regelmäßig in den Vereinen. Die Leute erwarten das rundum Spaßprogramm für Hund und Halter zum Vereinstarif und können nicht verstehen, dass die Vereine nicht jedem Trend nachgeben können und wollen. Verschiedene Sportarten fordern nicht nur mehr Organisation, sie kosten auch zusätzliches Geld für Geräte und vor allem benötigen sie auch fähige Trainer. Zu glauben, dass für jede Sportart plötzlich ein passender Ausbilder aus dem Nichts auftaucht, ist naiv. Ebenso unwahrscheinlich ist es übrigens, dass der Trainer, der kommerziell fünf verschiedene Sportarten in seiner Hundeschule anbietet, wirklich qualifizierte Ahnung von allen hat.
Wer eine bestimme Sportart mit seinem Hund ausüben will, sollte also von Anfang an einen Verein suchen, der diese auch anbietet und nicht darüber meckern, dass ein Verein nicht bereit ist, bestehende Strukturen zu ändern und irgendeines seiner Mitglieder zu neuen Trainerlehrgängen zu verdonnern, nur weil ein Neuanwärter es so will.

Vorurteil 8: Im Verein wird man als Mitglied nur ausgenutzt

Ja, Vereine haben die dumme Angewohnheit, dass von ihren Mitgliedern mehr erwartet wird, als schnell den eigenen Hund auf dem Platz zu bespaßen und dann in den Feierabend zu verschwinden. Arbeitsdienst, Küchendienst, Mithilfe bei Veranstaltungen, etc. werden vorausgesetzt. Eine Unverschämtheit, wenn man bedenkt, dass man für das Privattraining zweimal die Woche, 52 Wochen im Jahr doch ohnehin schon fast 100€ im Jahr bezahlen muss…
Man möge mir den Sarkasmus verzeihen, aber wer sich bei den Konditionen ausgenutzt fühlt, weil er einmal im Jahr helfen soll, im Vereinsheim Fenster zu putzen oder das Herbstlaub wegzufegen, kann gerne in einer Hundeschule bleiben und dort im Monat in seinen 5 Gruppenstunden für 100€ mit sechs anderen Hundehaltern auf dem Platz auf und abmarschieren.







Donnerstag, 11. Februar 2016

Sabine Balke und Bernd Koch – Hunde würden Frischfleisch kaufen

Unser zehntes Buch.

Im Untertitel verspricht das kleine Büchlein aus dem BoD Druck „Artgerechte Ernährung für jeden Geschmack und Geldbeutel“. Mit gerade mal 68 Seiten haben die Autoren einen sehr übersichtlichen Text abgeliefert, dem an manchen Stellen ein professionelles Lektorat nicht geschadet hätte. Neben dem ein oder anderen Rechtschreib- und Grammatikfehler fällt dem Leser auch sehr schnell der Tonfall unangenehm auf. Das ganze Buch wirkt wenig vertrauenserweckend, da es bei allem stets im Plauderton bleibt und Sachlichkeit vermissen lässt.
Es ist schön, dass die beiden Autoren ihre Leidenschaft für die Rohfütterung entdeckt haben und diese an die Leserschaft weitergeben wollen. Es beginnt mit einem kurzen Ausflug in die Natur des Hundes, der futtertechnisch eins zu eins mit dem wildlebenden und jagenden Wolf geleichgesetzt wird. Über die Futteraufnahme des Wolfes und die Fressgewohnheiten der einzelnen Beutetiere und was man so in deren Mägen findet, versuchen die Autoren den Bogen zum benötigten Nahrungsspektrum des Hundes zu schlagen. Ein versuch, der eher halbherzig bleibt, mit dem Verweis, dass man später genauer darauf eingehen möchte.
Denn anstatt sich näher mit der Rohfütterung und ihren Vorteilen auseinanderzusetzen, wird zuerst ein alter Kniff angewandt, der nie einen guten Eindruck hinterlässt und dennoch viel zu oft verwendet wird: Die „Konkurrenz“ schlechtmachen.

Die Autoren wenden sich im nächsten Kapitel den Inhaltsstoffen von Fertigfutterherstellern an. Es werden von verschiedenen Futterdosen die Etiketten, Auszüge der Werbehomepages und Preise zitiert und vorgerechnet, wieviel die Fütterung der eigenen beiden Hunde mit diesen Futtermitteln kosten würde. Erst gegen Ende kommt das Thema Rohfütterung wieder leicht in den Vordergrund, allerdings nur im Preisvergleich. Der Autor zählt auf, welche Summen sein privater Metzger für diverse Schlachtteile aufruft. Das ist zwar seitenfüllend, hilft dem Leser aber nicht weiter. Zum einen sind solche Privatvereinbarungen nicht auf den Frischfleischkauf bei anderen Metzgereien generalisierbar, zum anderen hat sich seit Erscheinen des Buches (2011) viel auf dem Markt getan.
Auch der letzte Dorfmetzger in Hinterdupfing hat in der Zwischenzeit Wind davon bekommen, dass man mit den Schlachtabfällen bei Hundehaltern Geld verdienen kann. Die Zeiten in denen man Pansen und Innereien für lau mitnehmen konnte, waren aber auch 2011 schon ziemlich vorbei.

Im nächste Kapitel ist dann das Trockenfutter an der Reihe. Ein kurzer oberflächlicher Abriss, was sich hinter den Inhaltsstoffen verbirgt und wieder die Kostenaufrechnung pro Tag und ein kurzer Abstecher zu Gemüseflocken und Co. Mit Rohfütterung hat das immer noch nichts zu tun, aber da man noch nicht lange gelesen hat, bleibt man als Leser geduldig, bis man sieht, dass ein weiteres Kapitel zum Thema Nassfutter folgt. Erneut wird durchgerechnet und gemutmaßt, wieviel wovon in einer Dose ist und was das alles kostet und wieder das Rechenbeispiel mit dem eigenen Metzger. Wäre man nicht schon auf Seite 40 und hätte damit 2/3 des Buches bereits hinter sich, würde man vermutlich an diesem Punkt genervt aufhören, weil die Argumentation auf der Stelle tritt. Aber da man ohnehin bereits den Großteil des Buches gelesen hat, kann man die paar Seiten auch noch durchhalten. Zum Ende des Kapitels bekommen die Autoren doch noch den Bogen zur Rohfütterung und verweist auf die Möglichkeit auch Rohfutter online in den Shops bestellen zu können.

Um auf die Rechenspielchen zurückzugreifen, die in diesem Buch so beliebt sind, nach über 66,6% des Buches haben wir nun endlich den Punkt erreicht, an dem das im Titel erwähnte Thema endlich behandelt werden soll.

Den Anfang in der Futterlehre macht dabei sofort die Verbotsliste, was nicht in den Napf darf. Es wird lieblos eine Liste hingeklatscht und zu keinem Punkt gibt es auch nur den Ansatz einer Erläuterung, wieso man es dem Hund nicht füttern sollte. Nur bei den Kohlehydratlieferanten wird erneut darauf verwiesen, dass sie in der Hundefütterung unnatürlich und schwer verdaulich seien. Aber was sich hinter dem Verbot von Schweinefleisch, Nachtschattengewächsen oder Zwiebeln steckt, wird mit keiner Silbe erläutert.  Nun endlich geht es los was und wie man füttert. Der Start wird mit Obst und Gemüse gemacht. Doch eine wirkliche Einführung gibt es nicht. Es folgt die erneute Erklärung mit dem Mageninhalt der Beutetiere für die Zerkleinerung der pflanzlichen Futterbestandteile und dazu der übliche Allgemeinplatz vom notwendigen Öl für die Aufnahme der Vitamine. Die Frage, woher im Beutetiermagen das Öl plötzlich kommen sollte, wird nicht gestellt. Ebenso wird nicht auf die Unterschiede der Ölsorten (Stichwort Omega3) eingegangen. Stattdessen gibt es seitenfüllende Fotos von Gemüsewürfeln und geschnittenem Rinderherz. Die abschließende Liste an Obst du Gemüse ist nett gemeint, aber auch hier wird mit keinem Wort etwas Weiterführendes erwähnt, sei es die mögliche Problematik der Säure bei Kiwi oder Orangen, Blähungen bei Kohlsorten oder die Auswirkung der Oxalsäure in Spinat und Roter Beete. Nun endlich geht es an die Kernsubstanz, das Kapitel über die tierischen Bestandteile der Rohfütterung. Immerhin wird hier kurz erwähnt, wieso kein Schweinefleisch verfüttert werden soll. Es folgt eine kurze Abfolge von Fleischsorten, die die Hunde der Autoren fressen, zusammen mit weiteren Fotos, die nicht wirklich Aussagekraft besitzen und nur die Seiten füllen. Den Abschluss bildet wieder eine Liste mit möglichen tierischen Teilen, die man in den Napf geben kann.
Es folgt eine Seite in der Milchprodukte, Öle und sonstiges abgehandelt wird. So kurz und unpräzise, dass jede Zusammenfassung an dieser Stelle mehr erzählen würde, als das Kapitel im Buch. Den Abschluss bilden noch die allgemeine Rechenformel für die Tagesfuttermenge und die Hinweise, dass die Bedarfsmenge individuell schwanken kann. Vermutlich die zwei einzigen Seiten in diesem Buch, auf denen der Leser wirklich etwas über Rohfütterung gelernt hat. Es folgen noch ein paar ungenaue Tagesrezepte und Snacktipps und damit ist das Buch auch schon aus.

Fazit: Es ist schön, dass die beiden Autoren von ihrer neuentdeckten Fütterungsart begeistert sind. Eine Hilfe für andere Interessierte und Neueinsteiger ist ihr Buch jedoch nicht, dafür enthält es zu wenige Informationen rund um das Thema und vermittelt zu wenig Wissen.


Als nächstes Buch auf der Leseliste:

Udo Gansloßer (Hrsg.) – Hunde aus dem Ausland