Donnerstag, 8. Juni 2017

Zu hart für diese Welt




Er ist in aller Munde. Jeder will einen, die wenigsten haben das Glück einen zu haben und auch nicht jeder ist fähig einen zu führen. Die Rede ist vom echten harten Gebrauchshund. Hart wie Stein, kräftig wie ein Bulle, aggressiv wie ein Schwarm Killerbienen und so schnell wie ein Falke. Wer so eine Bestie an der Leine führt und beherrschen kann, darf zu recht mit Verachtung auf die Sporthundefraktion herabblicken und sich in den Weiten des Internets für seine eigene Großartigkeit feiern lassen.

Man möge mir die ein oder andere Falschinformation zu diesen Wunderhunden in den folgenden Zeilen verzeihen. Möglicherweise trübt mein Neid meine Urteilsfähigkeit, da ich nur Besitzer von drei schnöden Sporthunden bin.
Den echten harten Gebrauchshund kann man spannenderweise überall finden. Egal ob der Dobermann aus der Schauzucht, der die Leistungsmalis alt aussehen lässt, der Malimischling aus dem Tierheim, der schon mit vier Monaten jeden BSP Starter in den Schatten stellt oder der Collie von dem sich jede Gebrauchshunderasse noch eine Scheibe abschneiden kann und der Xer aus den Kleinanzeigen, der jeden Helfer das Fürchten lehrt. Sie alle sind ein Geschenk des Himmels, deshalb versucht man gar nicht erst zu erklären, woher ihre Einzigartigkeit in Härte und Leistung kommt. Vielleicht gab Gott persönlich diesen Hunden eine Aufgabe. Man weiß es nicht und nachfragen oder gar hinterfragen gleicht Blasphemie.
Viel lieber haben die Besitzer es, wenn man die einzigartigen Leistungen ihrer Wunderhunde bewundert. Natürlich nicht live. Denn eines haben die echten harten Gebrauchshunde so gut wie alle gemeinsam. Auf Prüfungen oder Turnieren sucht man sie vergebens. Die wenigsten haben ein Ausbildungskennzeichen jenseits der BH/VT – falls diese überhaupt vorgewiesen werden kann. Aber das ist selbstverständlich, denn immerhin ist es ein echter harter Gebrauchshund und kein dressiertes Zirkuspferd, wie die Sporthunde auf den großen Veranstaltungen. Fuß laufen generell kann man von solchen brachialen selbstbewussten Persönlichkeiten nur schwerlich erwarten, von freudiger, triebiger und aufmerksamer Unterordnung wie sie im modernen Sport verlangt wird, wollen wir gar nicht erst reden. Auch beim Training auf dem Hundeplatz trifft man sie meistens nicht an. Vielleicht sitzen sie draußen im Anhänger, während die Besitzer sich ihrer rühmen und den bemitleidenswerten Sportlern von ihrem tollen Hund vorschwärmen. Am Training teilnehmen werden sie jedoch nicht. Wie wir ja bereits gelernt haben, ist Unterordnung unter der Würde eines solchen Hundes, von Fährtenarbeit wollen wir gar nicht erst sprechen.
Doch auch beim Schutzdienst – der Paradedisziplin des echten harten Gebrauchshundes – wird man ihn nicht während der Übungszeiten in Aktion erleben. Denn so ein spezieller Hund, braucht spezielle Arbeitsbedingungen. Für den durchschnittlichen Sporthelfer ist der Umgang mit einem solchen Profi schlicht zu gefährlich und auch bei namhaften Tophelfern ist große Vorsicht geboten. Zu viele wollen sich nur darüber profilieren, einem echten harten Gebrauchshund das Leben schwer zu machen und dafür ist ein solcher Hund zu wertvoll und einzigartig, um als Spielball für Helfer mit Komplexen herhalten zu müssen.
Deshalb dürfen die echten harten Gebrauchshunde meist nur dann beißen, wenn Herrchen oder ein ganz besonderer ausgewählter Freund in der Hetzhose steckt, dem man voll und ganz vertrauen kann. So kommt es, dass man diese Wunderhunde fast ausschließlich auf Videos in diversen Sozialen Netzwerken bewundern kann. Eine Privatvorführung beim Eigentümer, wenn man zu Besuch kommt, gibt es auch eher selten. Wir erinnern uns daran, das ist immerhin ein echter harter Gebrauchshund und kein dressiertes Zirkuspony, das zweimal die Woche zur Show antritt.
Aber diese Videos haben es dafür in sich. Schick mit fliegenden Buchstaben, die einem zu Videobeginn mitteilen, um welchen Hund es sich handelt und kreativ zusammengeschnitten mit künstlerischen Blenden und unterlegt mit dröhnender Musik – sehr beliebt sind hier Rammstein, AC/DC und generell alles mit kräftigen Bässen und schreienden männlichen Leadsängern. In schneller Abfolge werden dann die Qualitäten des echten harten Gebrauchshundes gezeigt. Dazu zählen Bellen – wahlweise am Pfahl oder Tisch oder mit Hundeführer an der Leine, der über den Platz geschleift wird – bei dem man nur Zähne und Schaum, weit aufgerissene Augen und spritzenden Speichel sieht und beißen. Beißen in jeder möglichen und unmöglichen Situation, Der Helfer im Versteck, der Helfer auf dem Versteck, der Helfer, der auf dem Biertisch steht, der Helfer der im Wasser sitzt, der Helfer, der von einem Baum hängt…. Beißen, knurren, schütteln und dazu brüllen Rammstein „Feuer frei“ und die Internetfangemeinde des echten harten Gebrauchshundes jubelt und freut sich auf die nächsten Schutzdienstkunststückchen, Verzeihung, die nächste Präsentation, des Ausnahmehundes.

Natürlich müssen solche einzigartigen Fähigkeiten für die Nachwelt erhalten werden und jeder echte harte Gebrauchshund muss sich deshalb zwingend fortpflanzen. In der gängigen Zuchtwelt ist das meist unmöglich. Denn oft bringen die Wunderhunde nicht die notwendigen Ahnentafeln mit und die unsinnigen Zuchtzulassungsbestimmungen der Vereine erkennen die auf YouTube Videos festgehaltene Leistung der echten harten Gebrauchshunde leider nicht an. Also errichtet man seine eigene Zuchtstätte ohne Verein. Manch einer, der genügend Freizeit und Langeweile hat, stampft einen eigenen Vereine aus dem Erdboden, aber die meisten brauchen keine bunten Papiere aus dem Farbdrucker. Der Ruhm des einen echten harten Gebrauchshundes, den sie haben, reicht vollkommen aus, um die Welpenkäufer herbeizulocken.
Gesundheitsuntersuchungen beim Spezialisten gibt es nicht. Der Wunderhund hat ja schon durch seine Leistung bewiesen, dass er absolut gesund sein muss. Und wenn die Hündin nicht untersucht ist, ist das auch nicht weiter wild, die perfekten Gene des echten harten Gebrauchshundes lassen keine Fehler bei der Nachzucht zu. Selbstverständlich wird die Nachzucht nur an Profis verkauft. Polizeidiensthundeführer, Militärdiensthundeführer…. Und jeden, der auf die eBay Kleinanzeige antwortet und bereit ist 900€ für einen papierlosen Hund aus nicht untersuchten Elterntieren ohne Ausbildungskennzeichen, aber mit eigenem YouTube Kanal, zu bezahlen.

Und so geht die nächste Generation an echten harten Gebrauchshunden an den Start und hebt ihre neuen Besitzer von der grauen Masse der Sporthundehalter ab. Mit Stolz dürfen auch sie ihre kunstvoll angefertigten Videos präsentieren und können über die Kritiker, die behaupten, ihre echten harten Gebrauchshunde wären nur normale, schlecht ausgebildete aber dafür gut vermarktete Hunde, die vermutlich nicht einmal für den Sport taugen, nur milde lächeln und sich sicher sein, dass ihr Hund nur deswegen nie eine IPO I schaffen wird, weil er zu hart für diese Welt ist.




Donnerstag, 23. März 2017

Von Hunden und Wunderkerzen




Besonders zur Weihnachtszeit sind sie beliebt, doch auch auf Feiern das ganze Jahr über findet man sie, die Wunderkerze. Sie sind schön anzusehen, einmal angezündet, entfalten sie sofort ein glänzendes Schauspiel, funkeln und sprühen, verzaubern mit ihrer Ästhetik und in wenigen Sekunden ist das Spektakel vorbei und es bleibt ein kleines, verkohltes, verkrümmtes und meist stinkendes Stäbchen übrig, das nur noch für die Mülltonne taugt.
Was das mit Hunden und Hundesport zu tun hat? Leider mehr als einem lieb sein kann. In Zeiten von YouTube Kanälen und Facebook Videos beschleicht einen manchmal das Gefühl, dass es oftmals nicht mehr auf eine gute Grundausbildung ankommt, sondern man nur noch versucht sich gegenseitig mit immer spektakuläreren Videos mit immer jüngeren Hunden zu übertrumpfen.
Mit 10 Wochen muss die Fährte mindestens 200 Schritt lang sein und alles unter drei Gegenständen ist peinlich. Mit 5 Monaten apportiert der Hund das Dreier Holz, kann Voraus und Steh aus dem Laufschritt, reviert alle Verstecke und springt die Meterhürde auf voller Höhe. Nach Abschluss des Zahnwechsels, geht der Hund bei jedem Training mindestens dreimal die volle Distanz bei der Langen pro Training, natürlich mit schönem Ausschwingen mit Wellenbewegung und Schraube, um sicher zu stellen, dass er den Griff auch hält und erträgt mehr Stockschläge in einer Woche, als der letzte WM Gewinner in seinem ganzen Sportleben bekommen hat und wenn mit 15 Monaten die Begleithundeprüfung ansteht, ist der Hund in der Regel verschwunden. Eine Erklärung dafür findet man meistens nicht. In Einzelfällen ist dann von tragischen Unfällen die Rede oder nach all den wundervollen YouTube Videos wurde der Hund verkauft, weil die Chemie zwischen Hund und Hundeführer plötzlich doch nicht stimmte.

Und während das erste Wunderkind in der Versenkung verschwunden ist, finden sich auf YouTube bereits das nächste dutzend Videos. Der sieben Monate alte Border Collie der den kompletten Parcours läuft und volle Höhe springt, der Malijunghund der mit dem dreier Holz die Meterhürde springt, alles weil es der Hund eben kann.
Auf die Frage nach Gesundheit und Reife bekommt man meistens keine vernünftige Antwort. Oder es kommt eines von zwei Argumenten „du bist doch nur neidisch“ oder es wird darauf hingewiesen, dass der Hund es von sich aus anbietet. Würde es dem Hund schaden, würde er es ja wohl nicht machen. Und in dieser festen Überzeugung, dass ihnen die Umwelt nur ihren Erfolg neidet und der richtige Hund das schon durchhält, werden die nächsten vielversprechenden Nachwuchshunde wie die Wunderkerzen an Weihnachten verheizt.
Die Geduld die Hunde auch einmal reifen zu lassen, ist in den letzten Jahren verloren gegangen. Auch glauben immer mehr, die Härte und Klasse ihres Hundes in immer spektakuläreren Aktionen unter Beweis stellen zu müssen, ohne den Sinn davon wirklich zu hinterfragen. Sicher sieht es atemberaubend aus, wenn schon der junge Hund mit richtig Anlauf in den Ärmel fliegt, vom Helfer fünfmal gegen den Uhrzeigersinn gedreht und dabei wie eine Fahne kräftig auf- und abgeschwenkt wird, dass sich der Rücken durchbiegt, der Hals in alle Richtungen verdreht und die Hinterläufe über den Kopf des Figuranten schlagen. Doch was sagen solche Aktionen wirklich aus, außer dass dort Menschen zu Gange sind, denen die Gesundheit ihres Hundes nicht so wichtig zu sein scheint?
Ganz nach dem Motto „wer pausiert verliert“ wird der Hund durch die Ausbildung gejagt, oftmals ungeachtet der Schäden die Körper und Geist dabei nehmen. Ist die Wunderkerze dann abgebrannt noch vor der ersten Prüfung, ist die Verzweiflung groß. Der Hund war doch mit 10 Monaten schon fertig für die IPO 3, konnte den Parcours der letzten Agility WM fehlerfrei in Traumzeiten laufen und hätte auf der Obedience DM jeden vor Neid erblassen lassen und plötzlich geht nichts mehr. Entweder weil der Hund sich verweigert oder weil er kaum noch gerade laufen kann.
Ausreden dafür gibt es dann viele. Entweder war der Deckrüde doch schlecht, der Züchter hat einen über den Tisch gezogen oder der Figurant ist schuld, weil er den Hund kaputt gemacht hat. Wie die abgebrannte Wunderkerze dann entsorgt wird, ist unterschiedlich. Manche verschwinden auf dem Sofa, andere in den Tiefen der Internetkleinanzeigen.

Leider lernen die wenigsten Hundeführer aus diesen Fehlschlägen. Die Einsicht, dass das Scheitern auf die Überforderung des Hundes zurückzuführen ist, tritt nur bei wenigen ein. Die nächsten Videos sind bereits online, diesmal mit einem vier Monate alten Hund, der ein perfektes Voraus mit Platz zeigt und im Vollschutzanzug die Schläge mit dem Bambusstock einsteckt.
Also nimmt man sich fest vor mit dem nächsten Hund noch härter zu trainieren, denn beim Letzten hat man ja versagt, weil man zu wenig trainiert hat. Ein weiterer Welpe zieht ein, eine weitere Wunderkerze wird angezündet, stolz online präsentiert und der geneigte Zuseher kann schrittweise mitverfolgen, wie das nächste junge Talent verheizt wird.


Mittwoch, 22. Februar 2017

Von der Natur des Hundes...





Es ist in aller Munde, das Thema Natürlichkeit und Naturnähe und auch der Hund wird davon in keiner seiner Lebenssituationen verschont. Alles muss natürlich sein, angefangen bei der Erziehung über die Fütterung bis hin zur allgemeinen Haltung und auch sonst alles. Doch sieht man sich so um, fragt man sich immer wieder, welche Vorstellung von der Natur des Hundes manche Leute haben.

Bereits vor der Geburt des Hundes beginnen oftmals die bizarren Blüten zu sprießen, die die moderne Mensch-Hund-Beziehung treibt. Statt Wurfplanungen und Deckakten werden „Hochzeiten“ angekündigt und bei problemlosen und instinktsicheren Deckakten ist plötzlich von „Liebe auf den ersten Blick“ die Rede und Rüden, die im Testosteronrausch Interesse an der läufigen Hündin haben, haben plötzlich „Herzchen in den Augen“ bei ihrem Anblick. Von der Natur des Hundes, von Sexualtrieb und Hormonen fehlt jede Spur. Erstlingshündinnen verlieren in jüngster Zeit auch mal gerne ihre „Unschuld“ und der geneigte Leser kommt sich schnell vor, wie in einer billigen Seifenoper. Eine Entwicklung, die sich nicht nur bei den Kleinhunderassen zeigt, selbst bei Gebrauchshundezüchtern haben die Zuchthunde immer öfter ein „Date mit der großen Liebe“ statt einem Decktermin und erwarten dann nicht einfach nur einen schnöden Wurf, sondern selbstverständlich „Kinder der Liebe“. Es versteht sich auch von selbst, dass man diese besonderen Wesen auf keinen Fall kaufen kann, aber sie können gegen einen passenden Betrag jederzeit „adoptiert“ werden.

Weiter geht es in den neuen Familien. Herrchen und Frauchen oder gar „Besitzer“ schimpfen sich die Wenigsten in diesen Tagen. Wie im englischen Sprachraum schon lange gebräuchlich, ist man jetzt „Mami und Papi“ des neuen „Fellkindes“, das man mit viel Liebe und Verständnis erziehen wird. Damit der Nachwuchs auch glücklich und ausgelastet ist, wird er sofort in den Welpenkindergarten eingeschrieben und man macht sich auf die Suche nach Gleichaltrigen für Spieltreffen, denn das Rudeltier Hund (obwohl man das Wort „Tier“ im Zusammenhang mit seinem neuen Nachwuchs nicht so gerne benutzt) braucht Kontakt um glücklich zu sein. Außerdem hat man gelesen, dass Förderung wichtig ist.
Also geht man los und kauft sich einen Clicker und beginnt schon am zweiten Tag nach dem Einzug mit süßen Tricks. Der Welpe weiß noch nicht, wo sein Futternapf steht und dass dieses neue Gebäude in das man ihn nach der Autofahrt gesetzt hat, sein Zuhause sein wird, von größeren Dingen wie Stubenreinheit, Alleinsein und Leinenführigkeit noch nicht einmal zu reden, aber es ist wichtig, dass er spätestens nach vier Tagen auf den Clicker reagiert und nach einer Woche ganz niedlich Pfötchen geben kann. Ebenfalls am zweiten Tag geht es auf den ersten großen Spaziergang, denn Bewegung ist natürlich und notwendig. An dieser Stelle verzweifeln die ersten Hundebesitzer bereist und mutmaßen, ob ihr Züchter nicht doch ein Scharlatan war, der ihnen einen schlecht sozialisierten Welpen verkauft hat. Denn das vierbeinige Kind weigert sich nicht selten an der Leine hinaus in die große weite Welt zu laufen.
Um dieser erschreckenden Entwicklung entgegenzuwirken, geht es am nächsten Tag gleich in den Welpenkindergarten oder zum Welpenspielen in die Hundeschule. Zehn sich vollkommen fremde Welpen, die durcheinanderkugeln, versuchen sich in dieser einen Stunde irgendwie zu sortieren und herauszufinden, wer stärker ist, wen man ungestraft drangsalieren kann… oh Moment, ich vergaß, Welpen sind liebe kleine Wesen, die nur hübsch zusammenspielen und selbst wenn vier Jagdhundwelpen gemeinsam einen kleinen Aussie über den Platz hetzen, bis sie ihn schließlich in eine Ecke getrieben haben, ist das immer nur ein nettes Spiel, das alle Beteiligten genießen. Denn wie wir ja alle wissen, ist der und von Natur aus ein Rudeltier. Dasselbe Bild ergibt sich auf der Hundewiese, nur in anderer Besetzung und oftmals ist dann hier das eigene Fellkind das Ziel der gemeinschaftlichen Jagd. Aber das gehört alles zum Spiel und ist ganz natürlich.

Die Zeit vergeht und der liebevoll, natürlich aufgezogene Welpe aus dem Liebesabenteuer zweier Hunde ist bald ein Jahr alt, immer noch nicht zuverlässig stubenrein, kann nicht alleine bleiben, ohne die Wohnung zu demolieren oder die Nachbarschaft zusammenzukreischen, dreht bei Hundebegegnungen draußen durch und springt schreiend in die Leine, hat ständig Durchfall und beginnt sich seit Neuestem das Fell von den Vorderpfoten zu beißen und draußen Müll und Kot zu fressen.
Dabei hat man sich auch bei der Fütterung immer an der Natur des Hundes orientiert. Man hat keine Kosten und Mühen gescheut, teure Markenfutter mit natürlichen Inhaltsstoffen gekauft und besonders solche, die doch auf Wildnis und ganz natürliche, gesunde Zutaten wertlegen. Als das nichts half, gab es rohes Futter und auch da nur das Beste, schönes Muskelfleisch und tolle große Beinknochen zum Abnagen und am Ende hat man sogar gekocht. Die wunderbaren Rezepte aus diversen Büchern und von verschiedenen Internetseiten. Ganz natürlich mit Kartoffelpüree und Honigtoast zum Frühstück.
Weil der Hund die Wohnung aus Langeweile kaputt macht, wurde für besseres Alleinbleiben das Auslastungsprogramm hochgefahren. Hundewiese musste leider gestrichen werden, weil die anderen unwissenden Hundehalter die Natur des Hundes nicht verstehen und behaupteten, der Hund würde andere mobben und mit Anzeige drohten, wenn der Hund nochmals einen anderen zu einem Rennspiel bis an den Horizont ermutigt und ihn dort, wenn er ihn eingeholt hat, ein wenig in den Nacken zwickt. Es kann schon mal passieren, dass sie wilder spielen und der andere genäht werden muss. Man versteht gar nicht, wieso die anderen sich über einen solch natürlichen Vorgang so aufregen. Außerdem muss man vorsichtig sein, es gibt zu viele gestörte Hunde in der Gegend. So wie der Rottweiler, der das eigene Fellkind letztes Mal gleich ganz böse Knurrend zu Boden gedrückt hat, als es zu ihm gerannt ist und spielen wollte. Hunde spielen nun einmal körperlich und ein kleiner Rempler darf nicht solch unangebrachte Aggression auslösen.
Also sucht man sich eine Hundeschule mit breitem Angebot. Montags ist jetzt Obidience angesagt, Dienstag und Donnerstag ist Aufbau Kurs Agility, Mittwoch wird longiert und Freitag gibt es eine Stunde Tricktraining mit dem Clicker. Am Wochenende sind lange Rad- und Wandertouren angesagt, denn es liegt in der Natur des Hundes ein großes Bewegungsbedürfnis zu haben.
Hilft alles nicht, der Hund versucht sich immer noch durch die Haustür zu fressen, wenn er alleine zu Hause ist und auch der zehnte Futterwechsel hat nichts gebracht, es fließen immer noch große stinkende Hundehaufen über den Teppich und langsam ist das Fell von den Pfoten weg und der Hund beginnt sich die Haut wund zu lecken.

Bestimmt eine Futtermittelallergie, die auch das seltsame Verhalten erklärt. Also auf in den nächsten Tierladen und ein Allergiker geeignetes Futter gekauft. Pferd und Kartoffel klingt so herzlos, arme kleine Ponys sollten nicht verfüttert werden, deshalb gibt es jetzt Känguru mit Pastinake und Yucca-Extrakt. Vielleicht sollte man aber auch mal eine vegane Alternative versuchen oder auf Käferprotein zurückgreifen, wesentlich naturnaher als Fleisch aus Massentierhaltung. Dazu lässt man zur Sicherheit beim Tierarzt einen Allergietest machen. Ein seltsamer Mensch im Wartezimmer meint, nachdem man ihm die ganze traurige Geschichte erzählt hat, dass auch Stress die Ursache sein könnte. Darüber lohnt es sich nicht nachzudenken. Immerhin hat mal alles richtiggemacht und sich an die natürlichen Bedürfnisse seines Hundes gehalten…

Und an dieser Stelle schließt sich meist ein langer Leidensweg für Hund und Halter an, den nur wenige wieder verlassen. Manchmal wird dem ein Ende gesetzt, in dem der Hund abgegeben wird, doch oftmals quält man sich Jahrelang gemeinsam durch die eigene, verschobene Vorstellung von der Natur des Hundes. Vieles wird unter dem Etikett der „Natürlichkeit“ und „Ursprünglichkeit“ vermarktet und ist davon doch meilenweit entfernt. Es beginnt bei den Abläufen der Fortpflanzung über die Aufzucht, das Verhalten und die Dinge, die ein Hund körperlich, geistig und sozial wirklich benötigt.
Gern wird sich über Schleifchen, Hundehalsbänder in modernen Designs und kunstvolle Frisuren beschwert und die „Unnatürlichkeit“ dieser Accessoires beklagt. Dabei wird jedoch vollkommen ausgeblendet, dass die Fehlinterpretation der natürlichen Bedürfnisse wesentlich größeren Schaden anrichten, als ein Continental Clip beim Pudel. Gerade die Thematik des gesunden Sozialverhaltens hat eine geradezu perverse Verdrehung in den letzten Jahren erfahren. Hunde die fremden Artgenossen reserviert gegenübertreten und ihre Grenzen klar kommunizieren, werden als aggressiv und schlecht sozialisiert abgestempelt, während der distanzlose Hund, der jegliche körpersprachliche Bitte um Abstand und auch jede Drohung missachtet, immer öfter als das erstrebenswerte Ideal gesehen wird.

Nie zuvor wurde die Natur des Hundes so oft als Begründung angeführt und nie zuvor wurde die wahre Natur so mit Füßen getreten. Deshalb sollte man sich, bevor man sich einmal mehr auf die Natur des Hundes beruft, einmal hinsetzen, in sich gehen und sich ehrlich fragen, ob man überhaupt weiß, was das bedeutet. Man lebt nicht mit seinem adoptierten Fellkind aus einer romantischen Affäre zweier auf den ersten Blick verliebten Hunde zusammen, sondern mit einem domestizierten Raubtier, das im Rudelverband lebt.
Viel Spaß dabei, herauszufinden, was das für das Zusammenleben jenseits der rosaroten Werbetraumwelt wirklich bedeutet.