Samstag, 27. Februar 2021

Wurzel ziehen

 


Hundetraining sollte nie reine Symptombehandlung sein. Man sollte immer nach der Wurzel des Problems forschen und das zugrundeliegende Problem behandeln und therapieren und nicht nur an einzelnen unerwünschten Verhaltensweisen herumdoktern soll. Ein ehrenvoller Grundsatz, den man so auch unterschreiben kann. Nur leider nimmt dieser Gedanke, wie so vieles, in der Hundewelt bisweilen bizarre Züge an.

Gerade bei Hunden aus zweiter Hand fixieren sich die neuen Besitzer bei Problemen oftmals geradezu krankhaft darauf, dass die Wurzel des Problems irgendwo in der Vergangenheit liegt. Der Hund hat Angst, im Dunkeln durch die Straßen zu laufen oder er reagiert aggressiv auf fremde Menschen? Dafür muss es einen tiefergehenden Grund geben, der mit Sicherheit in seiner Vergangenheit liegt. Irgendein Trauma muss dem armen Tier da zugestoßen sein, das nun zu diesem Verhalten führt.

Das ist der Punkt, an dem bei vielen Hundehaltern dann die Fantasie beginnt, Amok zu laufen.

Denn leider reicht vielen die einfachste und naheliegendste Erklärung nicht. Der Tierschutz DSH verhält sich Fremden gegenüber aggressiv? Nein, das kann natürlich nicht daran liegen, dass er rassegemäß einfach territorial ist und ihm niemals jemand erklärt hat, dass ein solches Benehmen im Alltag nicht geduldet wird. Nein, es Hund reagiert nicht so, der ist im Grunde seines Herzens immer friedliebend und gut und wenn er so reagiert, muss ihm in seinem früheren Leben etwas Schlimmes zugestoßen sein. Misshandlung, Vernachlässigung, brutale Ausbildung, irgendetwas muss dieser armen Seele angetan worden sein, was erklärt, wieso Hund sich nun so verhält.

Der nette kleine Mischling aus dem Auslandstierschutz hat schon zweimal Menschen angegriffen und da mal saftig in die Waden gehackt? Hm, beide Opfer hatten ein Handy in der Hand. In seinem bisherigen Leben auf der Straße hatte der Hund bestimmt keinen Kontakt zu moderner Technik. Bestimmt reagiert er auf die Strahlung und wird deshalb aggressiv. Die Überlegung, dass die Opfer einfach abgelenkt waren und beim Blick auf das Display einfach den Hund übersehen haben, der bereits drohend neben ihnen stand, ist als Erklärung zu einfach.

Man muss bis ganz runter an die Wurzel vordringen, bis an die Spitze, denn, wenn man keine Antwort auf die große Frage nach dem „warum“ hat, kann man sich nicht mit dem Training auseinandersetzen. Dabei reicht es eben nicht aus, die verhaltenstechnische Ursache des Problems zu kennen. Der Hund ist territorial und ihm fehlt Erziehung und Führung im Alltag, ist für solche Hundebesitzer ebenso unzureichend wie der Hund ist unsicher und reagiert mit Abwehraggression, wenn man seine Individualdistanz unterschreitet. Nein, es reicht nicht, die Mechanismen hinter dem Problem zu verstehen, man braucht mehr, man braucht einen Schuldigen. Jemand muss Schuld daran tragen, dass es mit dem Hund nicht klappt, wie man sich das vorstellt und man jetzt trainieren und erklären muss, warum Hund sich immer mal wieder danebenbenimmt. Mit einem Schuldigen scheint das vielen Hundehaltern so viel leichter zu fallen. Offensichtlich kommt einem „Mein Hund ist territorial, wir arbeiten daran“, um ein vielfaches Schwerer über die Lippen als „Mein Hund wurde vom Vorbesitzer geschlagen, damit er das Grundstück bewacht“.

Auch verzeiht einem das Umfeld anscheinend auch leichter, wenn man sich auf diesen Fantasiegeschichten ausruht. Man selbst ist ja nicht schuld. Schuld hat der böse Vorbesitzer, der skrupellose Züchter oder das traurige Leben auf der Straße, auf das man sich bei Schwierigkeiten immer berufen kann. Man kann es auch sehr schön immer parallel verfolgen. Wer sich auf die Suche nach einer tieferliegenden Erklärung – oder einfach einer Ausrede – für das Verhalten ihres Hundes machen, ist meist auch weniger gewillt, daran zu arbeiten und Zeit in Training zu investieren. Die Suche nach der Wurzel des Übels verkommt schnell zur Rechtfertigung für einen unerzogenen Hund und die Besitzer erwarten auch noch Applaus dafür, dass sie das arme Wesen gerettet haben.

Ich denke es wird Zeit, solchen Hundehaltern diesen Zahn samt Wurzel endlich mal zu ziehen. Es bringt nichts, sich auf der Vergangenheit auszuruhen und von einer Entschuldigung in die nächste zu flüchten. Am allerwenigsten nutzen solche Hirngespinste dem betroffenen Hund. Dem würde es am besten gehen, wenn der neue Besitzer aufhören würde nach Beifall und Mitleid zu heischen und den aktuellen Ist-Zustand einfach anerkennen würde und die Arbeit aufnimmt, um dem Hund durch Training und weitere Erziehung eine bessere und stressfreiere Zukunft bieten zu können. 


 

Sonntag, 3. Januar 2021

She needs a Hero

 


Schon von jeher war der Hund nicht nur der beste Freund des Menschen und begleitete ihn auf der Jagd. Nein, schon immer gehörte zu seinen Hauptaufgaben auch, seinen Menschen und das was ihm gehört, zu beschützen. Es wurden immer mehr Hunderassen erschaffen und bei vielen blieb der Schutzgedanke erhalten, zumindest in der ein oder anderen Form.

Sei es als Beschützer einer Herde, als Hofwächter oder als Schutzhund, es gab vielfältige Einsatzgebiete in denen Hund sich ausleben durfte. Zumindest früher. In der heutigen Zeit ist es nicht immer einfach mit einem Hund, der Wach- und Schutztrieb mit sich bringt. Denn war es früher noch akzeptiert, dass der Hofhund auch mal zulangte, wenn ein Fremder ungebeten in sein Revier spazierte, bedeutet so etwas heutzutage sehr schnell sehr großen Ärger für den Besitzer.  

Was jetzt aber nicht bedeutet, dass man diesen Typ Hund in der heutigen Zeit gar nicht mehr halten könnte. Es gibt genug Hundehalter, die wissen, was es bedeutet, einen Hund mit Schutztrieb zu besitzen und das im Alltag zu kontrollieren und zu kanalisieren, ohne dem Irrglauben zu erliegen, es unterdrücken oder aberziehen zu können. Diese Hundehalter leben mit ihrem Hund unauffällig unter uns. Die Eigenschaft gehört zu ihren Hunden, dessen sind sie sich bewusst, aber sie wissen auch, was es bedeutet, wenn ihr Hund ohne souveräne Führung willkürlich wacht und schützt.

Und dann gibt es die anderen…

Dieser Typus Hundehalter will unbedingt einen Hund mit Schutztrieb. Nicht für die Arbeit oder de Sport, auch nicht fürs Ego, sondern wirklich, weil er sich Schutz wünscht. Es handelt sich fast ausschließlich um junge Frauen Anfang bis Mitte 20, die es für eine gute Idee halten, sich einen Hund zum eigenen Schutz zu holen. Besonders beliebt in dieser Kategorie scheinen zurzeit Mal wieder der Dobermann aber auch der Malinois zu sein. Rottweiler und DSH trifft man bei diesem Typ Halter immer wieder an.

Und dann nimmt die immer wieder gleiche Geschichte ihren Lauf. Der Hund wird aus irgendeiner unseriösen Quelle gekauft, denn die meisten seriösen Züchter riechen den Braten schon von weitem und halten sich von solchen Käufern fern. Nur selten gelingt es solchen Interessenten ihren dringenden Wunsch nach einem Beschützer und die eigene Unsicherheit so weit zu überspielen, dass man einen Züchter täuschen kann. Also wird aus den Kleinanzeigen ein Gebrauchshundwelpe ausgesucht. Vorzugsweise von einem Hobbyvermehrer der schon in seinen Anzeigen oder seinen Sozial Media Accounts damit prahlt, was für harte, coole Hunde er hat. Da zahlt man dann schon mal für den Vermehrermali den selben Preis, wie für den vom seriösen Züchter. Gesundheitsuntersuchungen werden allgemein eh überbewertet, braucht man als Käufer nicht sehen, wenn man vom angeblichen Vater ein cooles Video sehen kann, bei dem er hinter einer Garage in eine Vollschutzjacke beißt. Vernünftige Sozialisierung in den ersten Wochen wird auch überbewertet. Aber wenn sich die Welpen knurrend und kläffend am Welpengitter aufführen, macht das schon mal einen tollen Eindruck. Ist gleich nochmal 100€ mehr wert.

Und dann holt man den kleinen Kerl – vorzugsweise natürlich einen Rüden, die machen mehr her, wenn sie groß sind und sind eh bekannt dafür, dass sie aggressiver sind – und beginnt das Leben mit dem zukünftigen Helden, der einen beschützen soll. Wenn er dann schon mit 9 Wochen draußen beginnt, vor allem im Dunkeln Fremde und andere Hunde anzuknurren, wird sich noch gefreut. Der Kleine ist ja schon so tapfer und nimmt seine Rolle als Beschützer ernst!

Warnungen, dass das schiefgehen wird, überhört frau. Genau das soll der Hund doch machen. Man wohnt schließlich in einer seltsamen Gegend, da sind komische Leute, der Hund soll einen beschützen und genau das lernt er. Von Unsicherheit und beginnender Angstaggression will man nichts hören. Der hat keine Angst, der hat Schutztrieb und die anderen doch alle keine Ahnung. Doch dann wird der Welpe größer und damit auch die Probleme.

Fand man es zuerst noch toll, wenn das 10kg Tierchen knurren in der Leine stand, wenn eine dunkle Gestalt auf einen zu kam, ist es plötzlich nur noch halb so lustig, wenn er in der Pubertät plötzlich 30kg wiegt und eben nicht nur nachts den Kerl mit dem hochgeschlagenen Mantelkragen ankläfft, sondern auch tagsüber bei spielenden Kindern oder der Frau mit dem Kinderwagen anfängt, Krawall zu machen. Und wenn es ganz dumm läuft, geht Hundi in diesem Stadium noch einen Schritt weiter. Denn irgendwann ist es Frauchen dann doch peinlich, dass sich ihr vierbeiniger Held so aufführt und will es ihm verbieten. Das ist dann oft der Punkt an dem sich der vollkommen überforderte Hund umdreht und seine Besitzerin maßregelt und zwar mit den Zähnen. Das Geheule ist dann groß und auch die Enttäuschung. Man wollte doch einen Hund, der einen beschützt, der erkennt, wann Gefahr herrscht und der sonst lieb und unkompliziert durch den Alltag geht. Man wollte eine Lassie, einen Kommissar Rex. Bekommen hat man aber eben nur einen typischen Vermehrerhund mit der (Nicht) Erziehung durch einen unpassenden Hundehalter.

Die wenigsten bekommen an diesem Punkt noch die Kurve und helfen ihrem Hund mit einem guten Trainer und einer Menge Selbstdisziplin zurück in ein vernünftiges Leben und einen angepassten Umgang mit der Umwelt. Entweder ziehen diese Paarungen jahrelang durch die Gegend, immer auf der Flucht vor ihren Mitmenschen, jeglichen Kontakt irgendwie vermeidend, erfinden eine Ausrede nach der nächsten, wieso der Hund so ist, wie er ist, bis es doch zu einem Zwischenfall kommt oder der Hund wird direkt abgeschoben. Entweder ins nächste Tierheim – was noch ein Glück für den Hund ist – oder über die Kleinanzeigen an die nächste Schutzsuchende, die meint, einen Hund zu brauchen, der auf sie aufpasst.

Verstanden haben beide nichts. Denn auch – oder gerade – ein Hund mit Schutztrieb braucht einen Menschen, der ihn souverän durch die Welt führt, ihm Sicherheit gibt und klärt, was bedenkenloser Alltag ist und was, eine wirklich bedrohliche Situation ist. Was kein Hund braucht, ist die Rolle als Held für einen unsicheren Schutzbefohlenen, den er an der Leine durch die Welt führen muss. Diese Bestimmung überfordert auf Dauer auch den souveränsten Hund und für den Gebrauchshundwelpen vom Vermehrer ist es eine komplett unlösbare Aufgabe.

 


 

Freitag, 25. Dezember 2020

Radant, Uwe & Dr. Schöning, Jette – Zughundesport

Unser 27. Buch

Zughundesport ist in und mit diesem Buch bieten der dreifache Weltmeister Radant und die praktizierende Tierärztin Dr. Schönig jedem Interessierten eine tolle Anleitung für den Einstieg in eine der unzähligen Spielformen der Sportart. In den vergangenen Jahren haben mich nur wenige der hier vorgestellten Bücher wirklich begeistern können, doch dieses gehört definitiv dazu. 

Die beiden Autoren nehmen sich viel Zeit, die Sportart in ihren vielen Facetten verständlich und spannend vorzustellen. Angefangen über eine kurze Geschichte zur Entstehung des Sports über eine Einführung zu den typischen Hunderassen und Arten bis hin zu den verschiedenen Ausprägungen des Sports wird ein kurzweiliger aber stets hoch informativer Überblick geboten. Dabei wird von Anfang an immer wieder auf den Unterschied zwischen leistungsorientiertem Sport und dem gemeinsamen Vergnügen mit dem Familienhund hingewiesen.

Der interessierte Anfänger bekommt eine detaillierte Einführung ins Zubehör und erhält auch eine verständliche Erklärung, warum man so großen Wert auf bestimmte Dinge legen sollte. Sei das die Passform oder der Typ des Geschirrs oder wieso es so wichtig ist, eben die Leine nicht einfach an den Lenker zu knoten, sondern einen Panikhaken zu verwenden. All dies geschieht stets in einem professionellen Tonfall, ohne den sonst so häufig bei anderen Autoren anzutreffenden erhobenen Zeigefinger. Beim Lesen wird nicht nur das Wissen der Autoren vermittelt, sondern auch ihre Begeisterung und Freude an diesem Sport.

Der Trainingsaufbau wird einfach erklärt, ganz ohne dabei dogmatisch zu werden. Alles wird dabei von hervorragenden und aussagekräftigen Bildern untermalt, um dem geschriebenen Wort mehr Details hinzuzufügen. Sehr schön ist auch, dass die Varianten des Zughundesports in diesem Buch gleichwertig behandelt werden. Es wird keine Variante herabgewürdigt durch unschöne Formulierungen. Egal ob Dogtrekking, Canicross, Bikejöring, oder, oder, oder, egal ob mit einem oder mehreren Hunden, alles wird mit der gleichen Begeisterung beschrieben und vorgestellt.

Dabei wird neben der Technik und der Frage nach dem „wie“ nie der Hund aus den Augen verloren. Sicherheit geht in den Beschreibungen immer vor. Ebenso hat die Freude am gemeinsamen Lernen und Laufen Vorrang vor dem Ehrgeiz und der schnellen Leistung.

Es wird auf Fragen wie Fütterung, passendes Trainingswetter, Gesundheit und auch Motivation eingegangen. Dabei bleiben die Bedürfnisse des Hundes immer im Vordergrund. Kein Zwang, keine Ziele die man in Zeit X erreichen muss, sondern stets überlegter Aufbau, der sich an den Fähigkeiten des jeweiligen Hundes orientiert.

Für die einzelnen Sportarten wird im weiteren Verlauf des Buchs gesondert auf notwendiges und empfohlenes Equipment eingegangen und auch typische Trainingsprobleme werden angesprochen und mögliche Lösungswege aufgezeigt. 

Alles in allem ein absolut empfehlenswertes Buch, für alle, die sich mit dem Gedanken tragen, einmal in den Zughundesport in irgendeiner Form rein zu schnuppern.