Sonntag, 9. Oktober 2016

Drei Bücher, ein heißes Thema: Kastration beim Hund



Kaum ein Thema spaltet die Hundewelt so sehr, wie das der Kastration beim Hund. Wer erleben möchte, wie eine Diskussion so richtig eskalieren kann, muss nur dieses eine Schlagwort in die Runde werfen und warten, bis die Extremisten auftauchen und sich gegenseitig an die Kehle gehen.
Aus diesem Grund habe ich mich bei dieser Rezension für eine etwas andere Herangehensweise entschieden.
Derzeit findet der geneigte Hundehalter drei nennenswerte Bücher zu dem Thema auf den Markt. Das älteste Buch stammt von der Tierärztin Dr. Gabriele Niepel und erschien unter dem Titel „Kastration beim Hund – Chancen und Risiken – eine Entscheidungshilfe“ 2007 bei der Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co.KG. Vier Jahre später brachten die Tierärztin Sophie Strodtbeck und Udo Gansloßer, Privatdozent für Zoologie an der Universität Greifswald im Müller Rüschlikon Verlag „Kastration und Verhalten beim Hund“ auf den Markt. Das neueste der drei Bücher „Kastration & Sterilisation beim Hund“ geschrieben von Tierschützerin Clarissa von Reinhardt und Tierarzt Dr. Michael Lehner, erschien 2013 im animal learn Verlag.
Und diese drei möchte ich hier mal im groben Vergleich gegenüberstellen.

Alle drei Bücher setzen sich dasselbe Ziel, sachlich und unvoreingenommen über die Chancen und Risiken einer Kastration beim Hund aufzuklären.  Bereits auf den ersten Blick hebt sich das Buch von Gabriele Niepel etwas ab.  Die beiden neueren Werke sind eher schmal mit 158 und 134 Seiten, dafür zeigen sie ein buntes Innenleben, mit diversen Fotos, farbig unterlegten Tabellen und Illustrationen. Das ältere Buch präsentiert sich wesentlich dezenter, mit nur wenigen Fotos, Diagrammen und Illustrationen in der Mitte des Buches, dafür mit deutlich mehr Text auf 254 Seiten.
Dr. Niepel verarbeitet in ihrem Buch unter anderem die sogenannte Bielefelder Kastrationsstudie, eine Umfrage, die unter 1010 Hundehaltern zu ihren Erfahrungen mit der Kastration und deren Auswirkungen auf den Hund durchgeführt wurde. Niepel stellt die Ergebnisse dieser Studie in Relation zu anderen wissenschaftlichen Studien und diskutiert die Ergebnisse sachlich, warnt jedoch davor, dass viele Punkte der Umfrage auch sehr subjektiv bewertet wurden und man dies bei Ansicht der Ergebnisse immer im Gedächtnis behalten muss. Niepel nimmt sich zu dem viel Raum für eine ausführliche Darstellung von Zyklus der Hündin, Sexualverhalten und Biologie der Hunde. Auch die einzelnen Operationsmethoden, andere Möglichkeiten zur Unfruchtbarmachung der Hunde, deren Vorteile und Risiken und auch die Risiken der Kastration werden eingehend beleuchtet.  Auch zu den meist genannten Kastrationsgründen bezieht Niepel in ihrem Buch ausführlich Stellung. So werden wissenschaftliche Untersuchungen in Hinsicht auf die Gesundheitsvorsorgewirkung der Kastration, der Verhaltensbeeinflussung beim Rüden. Die Frage in wie weit Kastrationen ohne medizinischen Grund durch das Tierschutzgesetz abgedeckt sind, arbeitet Niepel mit Hilfe von Kommentaren zum Gesetzestext auf. So kommt „Kastration beim Hund“ zu dem Schluss, dass durch die Novellierung des § 6 Tierschutzgesetz im Jahre 2000 die Kastration ohne medizinische Indikation in eine rechtliche Grauzone gerutscht ist, so dass die Frage, ob tierschutzrechtlich relevant oder nicht, nicht mehr eindeutig beantwortet werden kann, da die Formulierung des Gesetzes einen sehr großen Interpretationsspielraum lässt. Generell trägt die Autorin eine sehr objektive Haltung zum Thema Kastration nach außen. Wirklich ablehnend äußert sie sich nur gegenüber der Frühkastration.

Ohne eigene Studie gehen Strodtbeck/Gansloßer in ihrem „Kastration und Verhalten beim Hund“ ans Werk. Ihre Beispiele entnehmen sie ihrer beruflichen Praxis als Hundetrainer und Verhaltenstherapeuten. Die Abhandlung der biologischen Grundlagen ist ausführlich und gerade für Anfänger in dem Thema werden die Wirkungen der Hormone und ihre Regelkreisläufe im Organismus sehr detailliert und nachvollziehbar dargestellt.  Wie auch Nippel sprechen sich Strodtbeck/Gansloßer kategorisch gegen die Frühkastration aus. In allen weiteren üblichen Kastrationsgründen gehen sie ausführlich auf die Erfolgsaussichten und mögliche Risiken ein. Auch die Frage nach der Gesundheitsvorsorge durch Kastration wird eingehend behandelt. Selbiges gilt für die gängigen Kastrationsgründe, anhand von diversen Forschungsarbeiten werden bei jeder möglichen Indikation Pro und Contra abgewogen und an individuellen Beispielen verdeutlicht. In der Diskussion rund um das Tierschutzgesetz und Kastrationen beziehen Strodtbeck/Gansloßer ganz deutlich Stellung und bewerten sie ohne akute medizinische oder verhaltenstechnische Indikation als Verstoß gegen das Tierschutzgesetz.  Auch wird in diesem Buch explizit auf Risiken und unerwünschte Nachwirkungen der Kastration eingegangen.  Obwohl das Buch sich um Objektivität bemüht, merkt man beim Lesen immer wieder deutlich, dass die Autoren dem Thema sehr kritisch mit einer eher ablehnenden Tendenz gegenüberstehen.

Ganz anders das neueste Buch zum Thema „Kastration & Sterilisation“ von Lehner/Reinhardt. Bereits im Vorwort wird explizit darauf hingewiesen, dass dieses Buch eine Art Gegenentwurf zum Werk von Strodtbeck/Gansloßer sein soll. Leider wird dieser Gegenentwurf nicht sachlich argumentiert, sondern sehr früh ist deutliche Polemik in der Gegenargumentation zu erkennen und es werden deutliche verbale Attacken gegen die anderen Autoren gestartet. Auch wird zu Beginn des Buches sehr emotional diskutiert und mit weiteren Themenkreisen wie Massentierhaltung, Tötungsstationen und Schicksal von südländischen Straßenhunden Stimmung gemacht, bevor es an die Präsentation der Fakten geht.
Die biologischen Fakten, Zyklus der Hündin, der Hormonhaushalt, die Wirkung der einzelnen Hormone, verschiedene Operationsmethoden und die OP-Nachsorge werden ausführlich vorgestellt. Anders sieht es mit den medizinischen Gründen für die Kastration aus, diese werden sehr schnell und oberflächlich abgehandelt.
Das Herzstück des Buches stellt wie bereits bei Niepel eine eigene Umfrage, in diesem Fall durchgeführt unter 1121 Hundehaltern, rund um ihre Erfahrungen mit der Kastration und ihren Auswirkungen. Anders als bei Nippel werden die Ergebnisse jedoch nicht in Relation gesetzt oder kritisch diskutiert, sondern werden unreflektiert als feststehende Beweise präsentiert.
Im weiteren Verlauf wird kurz auf mögliche Auswirkungen der Kastration eingegangen, wobei sehr auffällig ist, dass die Kastration stets in einem sehr positivem Licht dargestellt wird. Die meisten Risiken und Probleme die bei den vorhergehenden Büchern genannt wurden, werden kurzerhand weggewischt. Besonders auffällig ist dies im Zusammenhang mit der Frühkastration, vor der die anderen Autoren massiv warnen. Lehner/Reinhardt empfehlen sie in ihrem Buch uneingeschränkt für diverse Rassen, um einer zu erwartenden Aggression gegenüber Artgenossen vorzubeugen und verweisen auf die Erfahrungen einer italienischen Tierschützerin, als Referenz, für die Ungefährlichkeit dieses Eingriffs.
Zur Tierschutzfrage wird ebenso eindeutig und gegensätzlich zu früheren Werken Stellung bezogen. Gemäß den Ansichten von Lehner/Reinhardt wird die Kastration, egal in welcher Form, nicht durch das Tierschutzgesetz beschränkt.
Das Buch von Lehner/Reinhardt setzt insofern, wie im Vorwort angekündigt, einen sehr deutlichen Kontrast zu Strodtbeck/Gansloßer, dass die Kastration durch das ganze Buch hinweg nicht wirklich kritisch betrachtet, sondern ausschließlich positiv dargestellt wird. Nach Lektüre des Buches bildet sich beim Leser der Eindruck, als gäbe es aus Sicht der Autoren keinen wirklichen Grund, nicht kastrieren zu lassen. Es werden zwar einige Verhaltensbereiche angesprochen, die durch die Kastration nicht beeinflusst werden, aber da es gemäß „Kastration & Sterilisation beim Hund“ keine negativen Seiten der Kastration zu geben scheint, außer der - angeblich ganz leicht behandelbaren - Inkontinenz bei Hündinnen, ist eine durchgeführte Kastration niemals falsch, egal zu welchem Zeitpunkt und in welchem Alter.
Einen weiteren Unterschied zeigen Lehner/Reinhardt zu den anderen Autoren in der Wahrnehmung der Leser. Während Niepel und Strodtbeck/Gansloßer mit ihren Texten und Erklärungen den Eindruck erwecken, dass sie den Leser als mündigen Bürger wahrnehmen, der zu eigenen Entscheidungen und verantwortungsbewusstem Handeln fähig ist, beschleicht einen bei Lehner/Reinhardt wiederholt das Gefühl, dass dem durchschnittlichen Hundehalter eben genau dies nicht zugetraut wird. Immer wieder wird darauf hingewiesen, wie leichtfertig und inkompetent Hundehalter mit ihren Tieren umgehen und aus diesem Grund die Kastration zur Verhinderung von Trächtigkeiten durchgeführt werden muss. Die Tatsache, dass dies immer wieder und wieder wiederholt wird, hinterlässt einen fahlen Nachgeschmack, fühlt man sich als Leser schließlich nicht ernst genommen.
Befremdlich ist auch, dass wiederholt darauf hingewiesen wird, dass zum Thema Kastration und Auswirkung kaum Studien existieren und gleichzeitig ein 17 Seiten langes Literaturverzeichnis folgt, in dem der interessierte Leser unzählige wissenschaftliche Arbeiten rund um Bereiche aus eben diesem Themengebiet findet.

Drei Bücher, ein Thema, drei teilweise extrem abweichende Meinungen.  Auch wenn es das Älteste aus der Reihe sein mag, so ist Gabriele Niepels „Kastration beim Hund“ deutlich das ausführlichste und objektivste Werk. Ein Wehmutstropfen ist, dass der Kastrationschip und seine Anwendung in diesem Buch nicht zur Sprache kommen, da er bei dessen Erscheinen noch nicht auf dem Markt war. Strodtbeck/Gansloßers „Kastration und Verhalten beim Hund“ bemüht sich um Objektivität, allerdings gelingt es dem sonst gut geschriebenen Buch nicht immer so, dass man an einigen Stellen die deutlich kritische Tendenz bemerken kann. Dennoch ist das Buch zum Einstieg in die Thematik gerade in Hinsicht auf die Funktion der Hormone im Körper gut geeignet.  Keine Empfehlung kann es hingegen für „Kastration & Sterilisation beim Hund“ von Lehner/Reinhardt geben. Zu sehr ist man bemüht, das Vorgängerwerk anzugreifen und zu widerlegen und auch von einer sachlichen Diskussion des Themas ist man zu oft weit entfernt und verlegt sich auf emotionale Argumente.

Um es kurz zu sagen:
Wer sich in erster Linie zu den gesundheitlichen Auswirkungen der Kastration informieren möchte, sollte das Buch von Dr. Niepel kaufen.
Wer sich in erster Linie zu den charakterlichen Auswirkungen der Kastration informieren möchte, sollte das Buch von Strodtbeck und Gansloßer kaufen.
Wer seinen Hund kastrieren lassen will und nur noch einmal lesen möchte, dass er auf jeden Fall das richtige macht, ohne viel nachdenken zu müssen, sollte das Buch von Reinhardt und Lehner kaufen.


Als nächstes auf der Leseliste:
Gabrielle Brunner Scheidegger – „Gesunder Sport- und Diensthund“

Mittwoch, 21. September 2016

Viel zu lernen du noch hast




Ich bezweifle, dass Meister Yoda bei diesen Worten an den modernen Hundesport dachte, dennoch passen sie ideal zu der aktuellen Situation. Auslöser für die Überlegungen ist das Video des FCI IPO WM Gewinners Harysson Ad-Gür.
Beim Video der – meiner Meinung nach wunderschönen – Unterordnung des Rüden wurde von zwei Damen bemängelt, dass der Hund keinen geraden Rücken, sondern ein starkes Gefälle habe. Ungeachtet der Tatsache, dass wir wohl alle nicht mehr erleben werden, bis sich herumgesprochen hat, dass auch eine stark abfallende Linie eine Gerade sein kann, wurde versucht zu erklären, dass dieses „Gefälle“ in weiten Teilen der Laufart des Hundes geschuldet sei. Bei der gezeigten Unterordnung lief der Hund deutlich über die Hinterhand, trat tief unter dem Schwerpunkt und hob sich dadurch in der Vorhand zu einem deutlichen Imponiertrab heraus. Die Erklärung, dass diese Art des bergauf Trabens nur möglich ist, wenn der Hund die Hintergliedmaßen stärker beugt, mit ihnen weiter unter den Körper tritt, hinten vermehrt Last aufnimmt und sich dadurch die Kruppe absenkt, wurde als Blödsinn abgetan.
Hier also der Hinweis an alle Dressurreiter, der sechste Punkt unserer Ausbildungsskale, namentlich die Versammlung, ist also Blödsinn. Denn um nichts Anderes handelt es sich bei dieser Laufform des Hundes, um eine Versammlung. Nur leider hat dieses Wissen um gewisse anatomische Abläufe in der Bewegung ihren Weg in die Köpfe vieler Hundesportler – und solcher, die sich gerne als solche bezeichnen – noch nicht gefunden. Doch nicht nur dieses Verständnis der Anatomie könnte man sich als Hundesportler aus der Reitsportszene aneignen.

Eines der großen Themen ist dabei das Warm-up. Mit dem Pferd arbeiten ohne es vorher anständig warmzureiten ist ein No Go, wie jeder Reiter von Anfang an lernt. Muskeln brauchen Zeit um warm zu werden, Gelenke verschleißen schneller, wenn sie kalt belastet werden und auch für Sehnen, Bänder und den Kreislauf ist ein Kaltstart unnötig belastend. In der Hundesportszene ist diese Vorgehensweise leider immer noch die Ausnahme. Eine schnelle Runde an der Leine um den Trainingsplatz damit der Hund sein Geschäft verrichten kann und dann geht es los mit der Arbeit. Lockeres Aufwärmen, Fehlanzeige, Fußlaufen oder Revieren reichen ja aus, damit der Hund auf Touren kommt. Wer vor dem Schutzdienst mit leichten Dehnübungen beginnt oder den Hund kurz durchmassiert bevor es in den Parcours geht, wird in den meisten Fällen nur schief angeschaut. Zwar wird es langsam Usus seine Sporthunde ab und an mal mehr mal weniger regelmäßig von Physiotherapeuten oder Chiropraktikern betreuen zu lassen, doch die Einsicht, dass die Gesundheit und Leistungsfähigkeit des Hundes von einem vernünftigen Aufwärmprogramm nur profitieren kann, lässt in weiten Teilen noch auf sich warten.

Gleiches gilt für die Bereiche Körperbeherrschung, Takt und Sprungtechnik. Viele Hundesportler jammern gerne, dass ihnen der Richter in der Prüfung den unnatürlichen Gang des Hundes zieht. Wirklich Zeit und Arbeit investieren aber die wenigsten in einen taktreinen Trab. Der Hund wird in seine Position gepackt und soll diese einfach nur halten. Ob er dies hoppelnd wie ein Kaninchen beim Balztanz oder schleudernd wie eine Kuh auf dem Glatteis macht, ist den meisten Hundeführern in Training vollkommen egal. Gezielte Übungen, um das Körpergefühl und damit die bewusstere Bewegung des Hundes zu fördern, stehen bei den wenigsten auf dem Trainingsplan. Dabei würde es in vielen Fällen für den Hund schon eine große Erleichterung bringen, würde der Hundeführer einmal seine eigene Gehgeschwindigkeit etwas anpassen.

Eine besondere Baustelle nimmt hier das Thema Sprungtechnik ein. Gerade bei der Meterhürde im IPO bleibt mir bisweilen die Luft weg, was sich da als „Sprung“ qualifiziert in den Augen mancher Sportler. Manche Hunde tippeln verzweifelt die Distanz abschätzend auf den Sprung zu um sich dann irgendwie über die Hürde zu winden. Andere brettern voll Trieb aber ohne Auge und Gefühl für Distanz und Höhe los, knallen im Sprung gegen die Hürde und reißen sie bisweilen sogar mit um. Wirklich gearbeitet wird an diesem Problem selten. Man stellt mal die Hürde niedriger und mal etwas höher, dreht den Trieb etwas höher in der Hoffnung, dass der Hund dann schneller Anlauf nimmt oder steckt eine Bürste oben auf, weil man glaubt, der Hund würde nicht mehr auf der Hürde aufsetzen. Die Zeit ein anständiges Sprungtraining durchzuziehen, damit sich beim Hund eine verlässliche und gesunde Technik entwickelt, nehmen sich die allerwenigsten und bekommen am Ende der Prüfung die Rechnung in Form von andauerndem Punktabzug.

Der moderne Hundesport hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt. Aus dem drögen Nebenherschleichen wie es früher üblich war, haben sich die freudigen und ausdrucksstarken Unterordnungen entwickelt, die man dieser Tage gewohnt ist. Vielleicht schaffen Hundesport und Sportler auch noch diese weiteren Lernschritte in angemessener Zeit zur Ausbildungsbasis werden zu lassen.


Sonntag, 4. September 2016

...bis, dass dein Tod uns scheidet





Ein Hund ist kein Gegenstand, den man einfach weiterreich, er ist nicht einfach nur ein Tier, er ist Familie. Wenn er einmal bei einem lebt, gibt man einen Hund nicht mehr ab, zumindest nicht, wenn man ein Herz hat. Nur emotionale Unmenschen, Hundesportler und Jäger bringen so etwas Gefühlskaltes zustande. Man darf sich von seinem Lebensgefährten trennen, sich von Freunden abwenden, sich scheiden lassen und nach der Scheidung kann man auch seine Kinder beim ehemaligen Ehepartner lassen, aber seinen Hund wegzugeben ist ein Sakrileg.

Es mag übertrieben klingen, doch das ist in etwa die Quintessenz, die man aus den Äußerungen diverser Hundefreunde ziehen kann, wenn es zu diesem Thema kommt. Der Hintergrund aus dem man zur Überlegung kommt, sich von seinem Vierbeiner zu trennen, ist dabei häufig irrelevant. Der schon früher aggressive Hund reagiert auf das Kind, das ins Krabbelalter kommt? Alles eine Frage des Managements und ein bisschen Training, immerhin kann man auch vom Kinder verlangen, sich einzuschränken. Der Hund kann keine Minute alleine bleiben, durfte früher mit ins Büro, für einen Dogsitter reicht das Gehalt nicht und im neuen Job ist der Hund am Arbeitsplatz verboten? Von Hartz IV kann man ja auch leben. Der Ehepartner hat über die Jahre schweres Asthma entwickelt und reagiert auch auf den Hund massiv? Tja, man kann auch als Single mit Hund sehr glücklich sein.
Ganz besonders die Kombination „aggressiver Hund, Schwangerschaft/Kleinkind“ treibt die Hundefreunde zu den eigenartigsten Ratschlägen und Ansichten, um die Abgabe eines Hundes zu untermauern.

Richtig ungemütlich wird es aber, wenn es für Außenstehende keinen greifbaren Grund gibt. Wenn „nur“ die gegenseitigen Bedürfnisse nicht zueinanderpassen, stößt man bei Abgabeüberlegungen auf noch weniger Verständnis, als bei einer realen Bedrohung für Gesundheit und Co. An erster Stelle stehen hier meist Hunde, die für eine bestimmte Aufgabe gekauft wurden – Jagdhund, Hütehund, Sporthund – und bei denen sich im Laufe der Ausbildung herausstellt, dass sie aus irgendeinem Grund nicht im geplanten Umfang einsatzfähig sein werden. Gesundheitlich beeinträchtigt, von der Veranlagung nicht geeignet oder einfach nur mangelnde Chemie zwischen Hund und Hundeführer, es kann viele Gründe geben, wieso aus dem gesteckten Ziel nichts wird. Irgendwann stellt sich jedoch die Frage, wie es weitergehen soll. Für die meisten Hundefreunde ist die Antwort klar, der Mensch soll sich nicht so anstellen und muss sich auf den Hund einstellen, denn das Hobby des Zweibeiners kann nicht so wichtig sein.
Nicht anders sieht es bei Hunden aus, die als Familienhund angeschafft wurden und sich herausstellt, dass das Familienleben mit diesem Vierbeiner einfach nicht funktionieren will. Dabei ist es erstmal egal, ob man sich blauäugig und schlecht informiert den Leistungsschäferhund oder den schicken Weimaraner für den Sonntagsnachmittagsbummel in der Stadt zugelegt hat, oder ob sich der vom Tierheim als Labradormischling für die Familie empfohlene Welpe als Kangal entpuppt. Die Hundewelt ist dann sehr schnell mit Vorwürfen bei der Hand. Man hätte sich besser informieren müssen, man darf nicht so bequem sein und muss eben daran arbeiten, andere Leute schaffen das auch… Wie schon bei den Arbeitshunden ist der Gedanke an Abgabe verpönt. Sehr gerne kommen dann „Hunde sind Familienmitglieder, gibst du deine Kinder weg“ Sprüche oder es kommen triefend romantische Geschichten, über den steinigen Weg vom Zusammenfinden mit dem Seelenhund – ein Thema, so nervig penetrant, dass es eigentlich einen eigenen Blog Eintrag verdient hätte.

Jenen, die ihren Hund für eine Aufgabe angeschafft hatten, wird das Geschwätz der „Hundefreunde“ im realen Leben und im Netz meist relativ egal sein. Ist Platz, Zeit und generelle Sympathie vorhanden, wird der Hund als Begleithund bleiben und ein weiterer Vierbeiner für den zu erledigenden Job einziehen. Sind die Voraussetzungen sind gegeben, werden sich die Lebenswege von Hund und Halter trennen. Die Netzgemeinde schreit in Entsetzen auf und sieht sich in ihren Erfahrungen mal wieder bestätigt, so herzlos können nur Sportler, Jäger und ähnliche Unmenschen sein.
Für die Familie und ihren mäßig geeigneten Familienhund beginnt ein langer, beschwerlicher und oftmals happy-End-freier Weg. Man versucht sich zusammenzureißen, startet mit einem Dutzend gutgemeinter Erziehungstipps aus dem Internet und dem persönlichen Umfeld, sucht Trainer um Trainer auf und hofft auf Besserung. Der ein oder andere mag es schaffen, sich so weit zu arrangieren, dass es für Hund und Halter ein erträgliches Zusammenleben wird, das man an manchen Tagen sogar als glücklich bezeichnen kann. Die anderen werden ein Hundeleben lang versuchen durch Management und Ausbau der eigenen Frustrationstoleranz durchzuhalten. Denn egal, wie sehr man sich bemüht und wie viel Zeit und Geld man auch in Training und Trainer investiert, manche Dinge werden sich schlicht nicht ändern lassen. Aber – wie wir aus dem Internet gelernt haben – Hunde sind eben Familienmitglieder und solche gibt man nicht einfach weg. Also hält man irgendwie durch, bis zu dem Tag an dem es nicht mehr möglich ist. Meist geschieht an diesem Tag ein Beißvorfall und sprengt die Leidensfähigkeit des Hundehalters. Vergessen ist all das Gerede von Familie und die Motivationssprüche, der Hund muss weg und zwar sofort. In der Regel in einem Erziehungszustand, in dem sich auf die Schnelle kein geeignetes Zuhause finden lässt. Für solche Hunde gibt es in der Regel dann nur zwei Möglichkeiten, der letzte Gang zum Tierarzt oder ein (in der Regel sehr langer, manchmal lebenslanger) Aufenthalt im Tierheim.
Das sind die Fälle in denen man die ganzen Hundefreunde mit ihrem „Hunde sind Familie“ Gebrüll dezent mit den Köpfen gegen den Computerbildschirm schlagen und ihnen ein „schaut was ihr mitverursacht habt“ entgegenbrüllen.
Dies soll mitnichten ein Plädoyer dafür werden, seine Hunde wie gebrauchte Socken zu wechseln oder seinen Vierbeiner beim ersten Problem sofort abzustoßen. Doch man sollte sich einmal vor Augen führen, welche Konsequenzen diese weltfremde „den Hund um jeden Preis behalten“ Einstellung haben kann. Im schlimmsten Fall kostet sie den Hund am Ende das Leben oder verdammt ihn zu lebenslanger Einzelhaft als „gefährlicher Hund“ – denn für die wenigsten Hunde mit Beißvorfall gibt es ein Happy End nach der Abgabe – im besten Fall leben Hund und Halter irgendwie nebeneinander her, ohne dass einer von beiden eine Chance auf ein glückliches und zufriedenes Leben hat in dieser Zeit.

In zwischenmenschlichen Beziehungen hat man sich so weit entwickelt, dass man nicht mehr auf „bis, dass der Tod uns scheidet“ warten muss, sondern die Chance auf einen getrennten Neuanfang und ein glückliches Leben ohne den anderen offensteht. Ein Modell, das man vielleicht auch in der Hund-Mensch-Beziehung enttabuisieren sollte, denn die Realität beweist auch hier, dass die Dogmen „Hunde sind Familie“ und „wenn du ihn liebst, schafft ihr das“ in die Märchenwelt gehören.