Freitag, 16. Februar 2024

Neue Verbote dank Sunniiiii

 


Warum gibt es immer mehr Einschränkungen und Auflagen für Hundehalter? Wieso ist man mit Hund an vielen öffentlichen Orten nicht mehr gern gesehen?

Lasst uns einen kleinen Blick auf das Erlebnis werfen, dass ich heute beim Morgengassi mit meinem Fast-Noch-Welpen hatte. Parke am See, steige aus, sehe einen Mann mit Hund auf dem Damm in unsere Richtung kommen. Herrchen schick gekleidet, Zigarette im Mund, Moderasse in der absolut angesagten Modefarbe, Geschirr und Leine farblich perfekt auf den Hund abgestimmt (und wie ich später erfahren soll, mit einem absolut generischem Namen) – ja, ich gebe zu, ich habe durch langjährige, leidvolle Erfahrung Vorurteile gegen diese Kombi entwickelt. Aber hey, sie sind weit genug weg, der Hund ist an der Schleppleine, was soll also schon passieren?

Drehe mich um, lade den Kleinen aus, sperre das Auto ab, drehe mich wieder zurück und da steht Herr Modehund keine drei Meter neben uns. Tief geduckt, fixierend mit steifem Gang schleicht er weiter. Die Schleppleine zieht er hinter sich her und Herrchen wirkt gute 100m weit weg nicht so, als wäre das ein Versehen. Die ersten beiden freundlichen Bitten, den Hund zu rufen, werden ignoriert. Erst als ich damit drohe, dem Hund Beine zu machen, wird erst über „hysterische Weiber“ geschimpft und dann versucht den Hund zu sich zu rufen. Allerdings bleiben die „Sunniiiii, ach Sunniiiii jetzt komm doch bitte“ Rufe ignoriert. Wenigstens hat Sunniiiii eingesehen, dass ich es ernst meine und er besser das Weite suchen sollte. Also trollte sich Sunniiiii doch noch Richtung Herrchen und zieht seine leuchtend türkise Schleppleine hinter sich her durch den Dreck. Herrchen macht keine Anstalten, die Schlepp in die Hand zu nehmen und schlendert weiter.

Um weiteren Stress zu vermeiden, schlagen wir die andere Richtung um den See ein. So besteht nur noch die Gefahr, sich ein einziges Mal zu begegnen, wenn wir die Runde nicht richtig timen. Dachte ich…

Nach weniger Minuten höre ich etwas rascheln, sehe einen türkisen Schatten die Böschung rauschießen und wie aus dem Nichts bombt Sunniiiii in uns rein, rast weiter und nimmt Anlauf für einen zweiten Kontakt. Aus dem nichts kommentiert Herrchen nur „Der spielt doch nur“ und bevor Sunniiiii ein zweites Mal ins uns rein rast, macht er Bekanntschaft mit meinem Wanderstiefel. Und bevor jetzt Tierschützer heulen, weil ich den armen Hund getreten habe. Nein, habe ich nicht. Ich habe geblockt und Sunniiiii ist Fullspeed ohne nachzudenken gegen meinen Fuß gerannt.

Der Zusammenstoß hat wohl den gesunden Hundeverstand geweckt und „Sunniiiii hat sich wieder getrollt. Herrchen war immer noch nicht zu sehen, nur zu hören, wie er gemeckert hat, wie unverschämt das doch wäre und Hund müsse doch auch einmal Hund sein können.

Genervt und nun deutlich wachsamer setze ich unseren Weg fort und nachdem wir den kleinen Badesee fast umrundet haben, höre ich den nächsten Tumult. Fluchen, Schimpfen und alles durchbrochen von „der tut doch nix“ Gemeckere. Ich komme um die Biegung und sehe zwei Mädels auf ihren Islandponys und natürlich wieder „Sunniiiii. Fleißig am Fixieren, um die Ponys und zwischen den Ponys durchhuschen. Die türkise Schleppleine immer hinten dran. Die Ponys nehmen das Ganze glücklicherweise erstaunlich gelassen hin. Erst als das Ende der Schleppleine einem der Beiden gegen das Hinterbein schlägt, wird es dem Pony zu dumm und es tritt einmal zu. Getroffen hat es nicht, aber die Aktion reichte, um „Sunniiiiis Herrchen endlich auf den Plan zu rufen. Er stolpert irgendwo aus dem Gebüsch heraus, jagt erst mit flehentlichen „Sunniiiii, Sunniiiii“ Rufen hinter seinem Hund her, bevor er irgendwann die Schleppleine zu fassen bekommt und seinen Hund aus der Situation rauszieht.

Kein Wort der Entschuldigung, nur ein weiteres Gemotze, dass ja nix passiert sei und verschwindet mit seinem immer noch fixierenden Hund wieder im Gebüsch.

Nach einem kurzen Gespräch mit den beiden Mädels stellt sich heraus, dass das nicht Sunniiiiis erster Auftritt in der Gegend war. Auch eine der beiden Reiterinnen hatte erst vor kurzem schon einmal eine Begegnung mit Sunniiiii als er sie auf dem Fahrrad verfolgte. Amtsbekannt sind Sunniiiii und Herrchen wohl auch schon.

Jetzt könnte man auf das Amt schimpfen, dass die nicht schneller arbeiten, um solche Vorfälle zu verhindern und solchen Hundehaltern schneller das Handwerk zu legen. Aber seien wir uns doch mal ehrlich, das tragische an solche Sunniiiii Haltern ist doch, dass sie das Leben für alle Hundehalter einschränken und verkomplizieren. Nicht nur, dass sie uns – wie heute – den Spaziergang, der eigentlich zur Entspannung dienen soll, vermiesen, sondern sie sind auch der Grund, wieso immer mehr Auflagen, Verbote und Kontrollen über uns hinwegrollen. Der Rundweg um den Badesee ist für Hundehalter ohnehin nur in den Wintermonaten geöffnet. Zur Badesaison sind Hunde verboten, was auch streng kontrolliert wird. Ein Sunniiiii Besitzer kann allerdings mit Leichtigkeit dafür sorgen, dass schon in der nächsten Gemeinderatssitzung eine allgemeine Leinenpflicht für das Gebiet beschlossen wird, die hier in der Regel mit Kontrollen auch durchgesetzt wird.

Mir ist absolut klar, dass solche Leute wie Sunniiiiis Besitzer diesen Blog nicht lesen werden und falls sie es doch tun, werden sie nicht einsehen, dass es ihre Schuld und nur ihre allein ist, dass es eben so schwer ist, dass Hund heutzutage auch mal Hund sein darf und dass „Hund sein“ eben nicht bedeutet, dass man seine Umwelt rücksichtslos zum eigenen Vergnügen terrorisieren darf. Einsicht wird man bei solchen Menschen umsonst suchen. Was traurig ist, denn mit ein wenig gesundem Menschenverstand und gegenseitiger Rücksichtnahme könnte das Leben so schön und einfach für alle sein. Aber so lange bis das nicht auch der letzte Sunniiiii Besitzer eingesehen hat, werden noch mehr Gassiwege und Freilaufstrecken mit neuen Verordnungen und Verboten gepflastert werden.


 

Montag, 17. Juli 2023

Silke Böhm – Rohfütterung für Hunde

 


Unser 34. Buch.

 

Man merkt dem Buch sehr schnell an, dass die Autorin eine große Begeisterung für die Fütterungsart hat. Nur leider merkt man sehr schnell, dass im Begeisterungstaumel die Tiefe und teilweise auch die Korrektheit der Informationen auf der Strecke bleibt.

Wirft man einen kleinen Blick in die Zeitleiste, verwundert es einen nicht besonders. Laut Angaben im buch wurde die erste Auflage gerade einmal drei Jahre nachdem die Autorin die Rohfütterung entdeckt hat, geschrieben und das merkt man leider auch. Vieles wirkt wie im ersten Begeisterungstaumel, oftmals anscheinend auch einfach ungeprüft aus anderen Quellen übernommen und niedergeschrieben und nicht weiter hinterfragt.

So hat man auch hier leider wieder die typische sehr fleischlastige Ausrichtung im Futternapf. Erhöhter Energiebedarf wird ausschließlich über Futtermenge reguliert, Begriffe wie Energiedichte kommen leider nicht vor. Getreide ist zu vermeiden, unnatürlich, nur vorverdaut im Pansen zu füttern und wirklich bedenklich wird es meiner Meinung nach bei den Tipps zum Thema Knochenfütterung. Mit keinem Wort wird darauf eingegangen, dass gewichtstragende Röhrenknochen große Probleme bereiten können. Knochenkot wird zwar warnend erwähnt, aber es fehlt jeglicher Hinweis, dass Beinknochen von Rind und Co Hundezähne massiv schädigen können. Markknochen und Beinscheiben werden im Gegenteil sogar explizit empfohlen für die Fütterung. Ein Ratschlag bei dem es vielen erfahrenen Rohfütterern kalt den Rücken runterlaufen dürfte, so ganz unreflektiert und ohne weitere Hinweise. Ebenso wie es beim Fleisch so gut wie keine Unterscheidung gibt. Ich glaube das Wort Bindegewebe kam kein einziges Mal vor. Es wird gerade noch zwischen fett und mager unterschieden, aber auch da nicht näher darauf eingegangen, worauf man achten sollte und was für den Hund bei der Auswahl wichtig ist.

Auch bei den „giftigen“ Lebensmitteln wird einfach aus anderen Büchern abgeschrieben und das tatsächliche Problem bzw. die Hintergründe, wenn überhaupt nur an der Oberfläche gestreift, so dass die Leser nicht wirklich nachvollziehen können, wo die Gefahr herkommt bzw. angeblich herkommen soll.

Der Einkaufsführer für saisonales und regionales Obst und Gemüse ist eine nette Idee, die man durchaus würdigen sollte, gerade im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Co, kann aber einfach das sehr rudimentäre Wissen rund um diese Fütterungsart nicht aufwiegen. Auch beim Thema Kräuter bleibt es sehr oberflächlich und leider wird wieder das überholte Loblied auf die Wunderwirkung der Kokosnussartikel gesungen.

Als besonders kritisch empfinde ich das Kapitel zur Fütterung von Hunden mit besonderen Bedürfnissen und Erkrankungen. Man merkt einfach, dass der Autorin da die Erfahrung fehlt. Da dann Kräutermischungen zu Husten, chronischen Schmerzen, Verstopfung und Co zu geben, empfinde ich persönlich fahrlässig. Da kann einfach zu viel schief gehen und der Punkt für den Tierarztbesuch unnötig verschoben werden.

Beim Thema Allergien lässt man dann glücklicherweise kurzzeitig eine Fachfrau zu Wort kommen und das Ende des Buches bilden ein paar Nährwerttabellen. Trotzdem ist es unterm Strich nur eine weitere oberflächliche Anleitung zur unreflektierten Proteinmast mit ein paar Lifestyletipps, auf der man die Fütterung seines Hundes nicht basieren sollte.

Donnerstag, 13. Juli 2023

Die unbekannten F's

 


Man hört und liest es immer wieder nachdem ein Beißvorfall passiert ist: Nie habe man damit gerechnet, nie habe der Hund irgendwelche Anzeichen gezeigt, dass er so reagieren könnte. Vollkommen unangekündigt und aus dem Nichts heraus sei es passiert. Und dann hat man in der heutigen Zeit so gut wie immer ein halbes dutzend „lustige“ oder auch „niedliche“ Kurzvideos von den Hunden, in denen gezeigt werden soll, wie fröhlich der Hund immer war, wie lieb der Hund immer war. Die Besitzer erklären einem, was sie dort sehen. Hunde, die sich ja so wahnsinnig freuen würden, Hunde die ganz sanft und geduldig seien, bis zu dem Tag an dem sie es plötzlich nicht mehr waren. Was der geneigte Betrachter mit etwas Hundeverstand jedoch sieht, sind Hunde bei denen aus der Pore, aus jeder Haarspitze Stress trieft.

Die Hunde kommunizieren klar und deutlich, warnen teilweise Wochen und Monate lang, bevor sie eskalieren und dennoch hört man immer wieder dieselben alten Geschichten. Es ist traurig und erschrecken, dass immer noch so wenige Hundehalter – selbst oftmals jene mit vielen Jahren Erfahrungen – an dieser Stelle so blind sind und alle Frühwarnzeichen übersehen.

Es gibt vier Standardreaktionen auf Stresssituationen, im englischsprachigen Raum ist von den vier F’s die Rede. Die ersten beiden erkennt so gut wie jeder Mensch, auch jene, die nichts oder nicht viel mit Hunden und ihrer Körpersprache am Hut haben. Fight und Flight, Kampf und Flucht versteht jeder.

Ein Hund, der in Stresssituationen beginnt, zu knurren, die Zähne zu fletschen und gar abzuschnappen, wird verstanden. Egal, wer ihm gegenübersteht, die Nachricht, dass dem Hund das gerade nicht behagt, kommt deutlich an. Was immer noch nicht bedeutet, dass das Gegenüber sich in der Situation richtig verhält und korrekt auf die Aussage des Hundes reagiert, aber zumindest begreift es, dass Hund das, was gerade passiert, nicht will.

Auch bei Flight erkennen die meisten Leute noch, was da vor sich geht. Selten nur wird ein Hund, der in Panik flieht oder es wenigstens versucht, mit etwas anderem verwechselt.

Wenn Hunde aus einer dieser beiden Situationen heraus zu beißen, spricht niemand von „unerwartet“ oder „ohne Vorwarnung“. Aggression und Flucht werden als Warnzeichen erkannt. Anders sieht es da bei den letzten beiden Stressreaktionen aus, bei den beiden vergessenen oder einfach nur verkannten F’s. Fiddle und Freeze, herumalbern und erstarren sind die Anzeichen, die nur zu gern übersehen werden.

Der Hund rennt seit zehn Minuten wie von der Tarantel gestochen durch den Garten, springt an jedem hoch, wedelt mit dem ganzen geduckten Körper, versuchst exzessiv über Hände und Gesichter zu lecken und lässt sich gar nicht beruhigen? Ist doch glasklar, der Hund freut sich. Ebenso freut er sich und bezeugt seine Liebe, wenn er dem Kind, das ihn ständig bedrängt, verfolgt und einfach nicht in Ruhe lässt, unaufhörlich übers Gesicht leckt. Packt Hund dann an Tag X letztendlich die Zähne aus, ist die Verwunderung groß. Er hat doch immer so lieb „Küsschen“ gegeben und war dem Kind gegenüber nie aggressiv. Beim Fiddeln ist es fast am Schwierigsten, den Menschen begreifbar zu machen, dass das eben keine Freude ist, keine Liebesbekundung, sondern ein Ausdruck von purem Stress. Nur wenigen gelingt es, von dem Bild des wuselnden und wedelnden Hundes auf Stress zu schließen und leider lassen sich auch nur wenige durch Aufklärung davon überzeugen. Zum Glück dieser Hundehalter – und zum Leidwesen der Hunde – verharren viele Hunde ein Leben lang in dieser Stressreaktion und es kommt nie zu einem Vorfall, weil die Hunde ihre Strategie nicht wechseln. Glück für die Menschen, weil sie so, trotz ihrer eigenen Rücksichts- und Ahnungslosigkeit nicht Gefahr laufen verletzt zu werden. Leidwesen des Hundes, weil niemals auf sein Dasein im ständigen Stress Rücksicht genommen werden wird, da es niemand erkennt.

Nicht besser sieht es beim Freeze aus. Hunde, die vor Stress erstarren, einfach einfrieren in dem was sie gerade tun und ausharren, bis die Situation vorüber ist, werden oftmals nicht als gestresst, sondern als „sanft“ oder „duldsam“ wahrgenommen. Sie wehren sich nicht, sie versuchen nicht, sich zu entziehen, also ist das, was immer man auch gerade mit ihnen macht, nicht so schlimm für den Hund. Wie schon beim Fiddeln kann der Hund hier nur wenig Rücksicht erwarten. Freeze ist die passivste Reaktion auf Stress, möglicherweise macht es dieses Fehlen einer Aktion für viele Menschen so schwer, Freeze als das zu erkennen, was es ist. Der Weg zum Fight scheint von der Freeze Reaktion schneller und öfter von Statten zu gehen, als beim Fiddeln. Gerade hier hört man dann oft die überraschten Aussagen von fehlender Vorwarnung und ohne vorheriges Anzeichen gestarteten Attacken.

Viele Vorfälle ließen sich vermeiden, wenn die beiden vergessenen F’s mehr Hundehaltern bekannt wären. Wenn man sich mehr mit dem Thema der Körpersprache der Hunde beschäftigen würde, lernen, wie man seinen Hund besser versteht, seine Bedürfnisse erkennt und auch auf sie eingeht. Doch so lange man bei der Erwähnung von Fiddle und Freeze in fragende, verständnislose Gesichter blickt, gibt es noch viel Raum für traurige Zwischenfälle, die nur darauf warten zu passieren, weil ein missverstandener Hund vor Stress irgendwann keinen Ausweg mehr sieht, als sein Vorgehen dramatisch zu ändern.