In der heutigen Zeit gibt es für Trainer kaum eine
schlechtere Bewertung, als wenn ihnen vorgeworfen wird nach Schema F zu
arbeiten. Begriffe wie „normal“, „basic“ oder „Durchschnitt“ werden von den
meisten Menschen heutzutage als Schimpfwort aufgenommen. Jeder will besonders
sein, anders, ganz individuell und speziell, die eine kleine besondere Schneeflocke,
die absolut anders als alle anderen und einzigartig ist. Bei Dingen wie
Modegeschmack, Frisur und Wohnungseinrichtung mögen solche Auswüchse harmlos
sein. Leider greift diese „Ich bin aber gaaanz anders als ihr!“ Denke auch in
der Hundehalterwelt um sich und hier kann das ganze zu kleinen und größeren
Katastrophen führen, mit denen dann nicht nur das gescheiterte Schneeflöckchen,
sondern auch der beteiligte Hund und die Umwelt leben müssen.
Oftmals beginnt dies schon bei der Rassewahl. Egal
welches Ziel man verfolgt, ob es nun ein Familienbegleithund oder ein Hund für
eine stärker spezialisierte Ausbildung sein soll, immer öfter passiert es, dass
den typischen Rassen für diese Aufgaben eine Absage erteilt wird. Denn man
selbst ist ja schließlich etwas einzigartiges und besonderes, da kann man nicht
mit einer der gewöhnlichen Hunderassen sein Leben teilen. Denn was sollen da
die Leute denken?
Und dann entstehen seltsame Auswüchse. Als Familienhund
muss dann plötzlich ein Karelischer Bärenhund her, weil man so tolle
Geschichten über seine Treue und seinen Mut gelesen hat und das braucht man dringend,
wenn man nachts seine Zwei Zimmerwohnung im sechsten Stock verlässt, um Gassi
zu gehen. Oder man holt sich einen Dobermann als Therapiehund für eines der
Kinder, weil das eben auch nicht jeder hat und immer nur Retriever langweilig und
zu gewöhnlich ist. Aus dieser Ecke stammen auch die ganzen Auswüchse aus der
Ecke der sogenannten Designer Dogs, denn nichts ist ja einzigartiger und
spezieller als eine Mischung, bei der jedem Genetiker und jedem Kynologen die
Tränen in die Augen steigen. Leider findet man diese Auswüchse auch immer öfter
in der Hundesportwelt. Man könnte ja mal probieren, ob sich Rasse xy nicht auch
eignet oder vielleicht sogar besser, als die üblichen Verdächtigen. Man vergisst
dabei vor lauter „ich bin die Schneeflocke!“ nur leider gern, dass es in der Regel
einen sehr schlichten Grund hat, wieso bestimmte Rassetypen in bestimmten
Aufgabengebieten massenhaft anzutreffen sind: Weil sich über Jahre hinweg
gezeigt hat, dass sie für diese Aufgabe überdurchscnittlich oft
überdurchschnittlich gut geeignet sind.
Wieso dieser Ausdruck von Individualität beim Hundekauf
ein Problem darstellt?
Zum Einen, weil solche Käufer ihre Hunde oftmals nicht
aus sehr seriösen Quellen beziehen. Gute Züchter wissen um die Eigenschaften
ihrer Rasse und nochmal spezieller ihrer Zuchtlinien und wenn jemand
aufschlägt, der komplett gegen das alles leben und ausbilden will, wir der
Großteil von einem Welpenverkauf absehen. Da Einsicht auf der Jagd nach
individueller Selbstdarstellung leider Mangelware ist, wird weitergesucht, bis
man jemanden findet, der einem die Wunschrasse verkauft und sei es der
freundliche Hobbyvermehrer aus dem Nachbardorf oder eine eBay Kleinanzeige bei
der man nicht so ganz nachvollziehen kann, wo die Welpen überhaupt herkommen.
Nicht weniger kritisch wird es im weiteren Verlauf des
Zusammenlebens. Wenn Hund einfach nicht ins Umfeld passt, wird es anstrengend
und stressig für alle Beteiligten. Ist er nicht geeignet für die angedachte Ausbildung
wird es darüber hinaus frustrierend. Oftmals passiert es dann auch, dass Hund
eines Tages abgeschoben wird. Sei es, weil der ganz andere Familienhund
plötzlich angefangen hat, die Nachbarschaft fressen zu wollen oder weil die
neue exotische Sporthoffnung, die einem zu großen Erfolgen verhelfen sollte,
einfach die Leistung nicht bringen kann und Platz machen muss, für einen begabteren
Nachfolger.
Doch auch, wenn sich die Leute eine halbwegs passende
Rasse ausgesucht haben, sind dem Einfallsreichtum, wie man sich von allen
anderen ganz individuell abheben kann, keine Grenzen gesetzt. Fütterung, Erziehung,
Auslastung… überall bietet sich massenhaft Möglichkeit seine ganz individuelle
Katastrophe zu kreieren. Auch wenn es viele Hundetrainer nicht gerne hören,
weil sie sich ja durch ihre ganz eigene Philosophie und neu entwickelte
Methoden abheben und verkaufen wollen, aber hier sind alle an Schema F gebunden
und der Name von Schema F in Erziehung und Ausbildung lautet „klassische
Lerntheorie“. Ja, es ist selbstverständlich notwendig die Ausführung im Einzelfall
auf das jeweilige Hund-Halter-Gespann anzupassen, verschiedene Motivatoren zu
nutzen, die Gewichtung der einzelnen Quadranten zu verschieben, aber jenseits
der Ausführung ist hier kein Platz für individuelle Auswüchse, die Basis ist
immer dieselbe. Den Keks hat die Wissenschaft bereits gegessen.
Auf die Auswüchse von individueller Fütterungsphilosophie
möchte ich nicht näher eingehen, das wäre genug Stoff für eine eigene
Artikelserie. Es sei nur so viel gesagt, auch hier gibt es klare Grenzvorgaben,
gesetzt von der Biologie. Nur weil die moderne Verarbeitung und Aufbereitung
von Nährstoffen vieles möglich macht heutzutage, muss man nicht jeden Trend in
der Richtung mitmachen. Das gilt für Mensch wie Hund.
Kritisch kann es wieder beim Thema Ausbildung werden.
Denn auch hier sind wir wieder im Denkungsfeld von „macht jeder, ist langweilig“.
Und so werden sich neue Aufgabengebiete für die eigene Rasse gesucht. Oftmals
ist es eher harmlose Frustration, die daraus folgt. Wer versucht mit seinem
Afghanen auf die Fährtenhundeprüfung zu trainieren, oder mit seinem Akita Inu
zum Obedience will, wird irgendwann erkennen müssen, dass Individualität im
Sport einfach fast immer zu lasten der Leistung geht. Wenn man damit umgehen
kann, kann man trotzdem Spaß haben, wenn man Trainer findet, die einen bei
diesem Experiment begleiten. Kritisch wird es, wenn es zu Lasten der Gesundheit
geht. Es hat seinen Grund, wieso man Basset und Corgi in der Regel nicht im
Agility Parcours sieht und wieso Dogge, Mastiff und Co nicht beim Disc Dogging
anzutreffen sind. Wirklich pervers wird es jedoch, wenn man auf die Idee kommt,
auch noch andere Tiere in Mitleidenschaft zu ziehen und mal mit seinem Husky
hüten will oder auf die Idee kommt, ob Hütehunde nicht auch als Jagdhund
einsetzbar wären. Ja, gegen letzteres gibt es eigentlich Regelungen, aber
leider finden solche Leute immer Mittel und Wege und für entsprechendes Geld
auch immer Ausbilder, die sie bei solchem Schwachsinn unterstützen.
Deshalb vielleicht einfach mal nachdenken und das eigene
Ego hintenanstellen, wenn es um Entscheidungen rund um das Thema Hund geht.
Ziel sollte nicht sein, besonders und anders zu sein und sich am besten darstellen
zu können, egal ob im Leben oder in den sozialen Medien, sondern, dass man
glücklich und zufrieden mit dem Partner Hund durchs Leben gehen kann und dass
auch den Bedürfnissen von Partner Hund Tribut gezollt wird.