Donnerstag, 28. Dezember 2017

Barbara Ertel & Sandra W. Wichers – Der Verständigungsschlüssel zum Hund



Unser 19. Buch.

Eines vorweg, es ist extrem schwer, nein es ist unmöglich, unvoreingenommen an dieses Buch heranzugehen. Ich war komplett überrascht, dass meiner Anfrage nach einem Rezensionsexemplar wirklich nachgekommen wurde, aber mit dem Wissen welches Leid die Lehre rund um die vererbte Rudelstellung in der Hundewelt bereits ausgelöst hat, möchte ich hier von vornherein darauf hinweisen, dass die Lektüre und Rezension dieses Buches rein dazu diente, die Argumentation und Gedankengänge dahinter besser verstehen zu können, um die Chance zu erhöhen, dass man bei künftigen Begegnungen mit Interessenten dieser „Theorie“ besser gewappnet ist, mit zielgerichteter Argumentation möglichst viele davor bewahren zu können, mit ihrem Hund diesen Irrweg einzuschlagen.

Schon die Einführung, in der die Autorin erklärt, woher ihr Wissen stammt, wirkt befremdlich. Das blutjunge Mädchen, das eigentlich nur einen Hund bein einem älteren Mann kaufen will und ihn letztlich erst einmal begleiten und seine „Kunst“ erlernen muss, klingt im besten Fall eigenartig. Es stellt sich auch die Frage, wie die Autorin ihren Lebensunterhalt bestritten hat, wenn sie ein Jahr lang mit Herrn Werner durch ganz Deutschland gereist ist, um 60 Würfe über mehrere Tage zu beobachten. Zumal man sich auch wundert, wieso der große Meister sein Geheimwissen nur an dieses fremde Mädchen, zu dem er keinerlei Verbindungen hatte, weitergab. Egal, es ist eine schöne Story von der einen Auserwählten, wie man sie aus der modernen Literatur zur Genüge kennt und von der man weiß, dass Leser sie lieben.

Im Anschluss erklärt die Autorin, den Aufbau des strukturierten Rudels mit allen sieben Stellungen innerhalb des Rudels und auch, dass die Hunde sich bei Wanderungen nur entsprechend ihrer Stellungen aufreihen. Fehlt die Struktur im Rudel, so die Behauptung, würde man das bereits an der Formation beim Laufen erkennen Solche unstrukturierten Rudel müssten unbedingt vermieden werden, weil sie Stress und Aggression in der Gruppe fördern. Das größte Probleme der modernen Hundehaltung sei, dass dies nicht erkannt werde.
Es wird kein ernstzunehmender Gedanke daran verschwendet, wieso die Verhaltensbiologie und der Rest der Welt die unumstößlich angeborene Geburtsstellung nie thematisiert haben. Man ist felsenfest überzeugt, das Ei des Kolumbus Mitte des 20. Jahrhunderts in einer Gartenlaube gefunden zu haben.
Im Anschluss wird kurz auf die verschiedenen Stellungen innerhalb des Rudels und deren Unterschiede eingegangen. Der Leser wird mit verschiedenen Leit- und Bindehunden bekannt gemacht, für jede Stellung gibt es dazu eine eingängige Abkürzung. Die Stellung sei angeboren, würde sich wie Rasse und Geschlecht ein Leben lang nicht wirklich ändern bzw. ändern lassen und dem Hund von der ersten bis zur letzten Sekunde festlegen, welche Aufgaben dieser Hund übernehmen kann und soll. Man ist der felsenfesten Überzeugung, dass Rasse, Geschlecht und Individualität hinter die Geburtsstellung in der Bedeutung zurücktreten. Alles egal, alles kann vernachlässigt werden, so lange man nur die Stellung des Hundes kennt und respektiert.
Das Erkennen und Einordnen der einzelnen Stellungen wird im Anschluss behandelt und es wird gleich von Anfang an klargemacht, dass es hier große Schwierigkeiten geben kann. Zusammengefasst kann man eigentlich sagen, dass man, diese schwierige Aufgabe am Besten auf einem kostenpflichtigen Seminar einem „Profi“ überlässt. Im Anschluss erhält jeder Hundetyp eine kurze Erklärung, welche Charaktereigenschaften sich aus seinen Aufgaben im Rudel ergeben, wie man als Mensch damit umgehen muss, mit einem solchen Hund zusammenzuleben und welche – meist negativen – Auswirkungen es hat, wenn diese Vorgaben nicht berücksichtigt werden.
Es folgen vier Seiten verwackelte Fotos auf denen Treffen von Hunden zu sehen sein sollen, die sich gegenseitig korrekt in ihrer Stellung identifizieren.
Doch die Unterscheidung in sieben Stellungen reicht noch nicht, die Autorin hat, abweichend von den Lehren ihres Meisters, noch zusätzlich sechs weitere Einteilungen „erarbeitet“, die beschreiben, wie eindeutig die Stellungen ausgeprägt sein sollen. Spätestens an diesem Punkt schwirrt dem Leser der Kopf.

Es folgen eine Menge Anmerkungen zum alltäglichen Leben mit Hunden aus denen eine Behauptung besonders hervorsticht. So wird den Hunden die Anpassungsfähigkeit und Flexibilität abgesprochen. Laut Frau Ertel handelt es sich bei den beobachteten Anpassungen nur um eine Kompensationsstrategie, gleichsam einer Zwangsstörung zur Trauma Bewältigung, wenn die Tiere nicht entsprechend ihrer Rudelstellung leben können. Die Rede ist von großem seelischen Leid und Qualen, die ein solches Leben den Hunden bereitet, die ihnen der Profi auch ansieht, die nur vom Halter zu oft übersehen werden. Man packt die Hundehalter dort wo es wirklich schmerzt, nämlich beim Vorwurf man würde den geliebten Vierbeiner leiden lassen und dieses Leid auch noch selbst verursachen.
Auch bei Ausbildung, Sport und Beschäftigung muss man selbstverständlich auf die Rudelstellung achten. Bestimmte Stellungen eignen sich für bestimmte Aufgaben, die Rasse ist hierbei mal wieder Nebensache. Nach dieser Logik ist der V3 oder N3 Golden Retriever IMMER der bessere Personenschutzhund als der V2 oder N2 Rottweiler, während Eckhunde offensichtlich gar nicht ausgebildet werden können/sollen, an ihnen soll man sich einfach an ihrem Charakter erfreuen. Eine hervorragende Ausrede für jeden unerzogenen Hund.
Was folgt ist nochmal eine Aufschlüsselung der einzelnen Stellungen und worauf man bei ihrer Erziehung achten muss, wer sich für Einzelhaltung eignet, wer unbedingt einen oder mehrere andere Hunde im Haushalt benötigt, wie man Paar- und Mehrhundehaltung bis zum Teilrudel oder kompletten Rudel aufbaut, wie man Fehlstellungen vermeidet und „Lücken“ füllt, wieso es bei Senioren noch wichtiger ist, auf bestimmte Dinge zu achten und wie man mit verhaltensauffälligen Hunden umzugehen hat.
Wieder ein Satz verwackelter Fotos und dann geht es an die Königsdisziplin: Zucht und Zuchtbeurteilung nach Rudelstellung.
Gesund und glücklich und vor allem „normal“ können Hunde nur werden, wenn sie bereits vom ersten Tag an in ihrer angeborenen Stellung „professionalisiert“ werden. Es wird in drei Kategorien aufgeteilt. Ein Wurf kann perfekt, akzeptabel oder nicht akzeptabel sein.
Im perfekten Wurf sieht die Autorin sieben Welpen mit unterschiedlicher Stellung, dies wirke sich nicht nur ideal auf den Charakter, sondern auch auf die körperliche Gesundheit aus. Im akzeptablen Wurf fehlen Stellungen, aber nie der mittlere Bindehund, weil dieser dafür sorgt, dass die fehlende Stellung durch andere kompensiert wird. Alle anderen Würfe werden als „nicht akzeptabel“ eingestuft, sprich jeder Wurf mit mehr als sieben Welpen ist nach Wertung der Autorin eine Katastrophe, die keine Chance auf eine unauffällige Entwicklung haben und stets Verhaltensauffälligkeiten entwickeln würden. Mutterhündinnen die „stellungsstark“ seien, würden solche Würfe „reparieren“ oder auch „komplett vernichten“. Eine Ansicht, bei dem es jedem kalt den Rücken runterläuft. Eine Hündin, die die eigenen Welpen tot beißt, sobald es mehr als sieben sind, ist also offensichtlich in der Welt der Rudelstellung ein erstrebenswertes Ziel.
Fortpflanzen sollten sich ohnehin nur bestimmte Stellungen, was sich angeblich im kompletten Rudel automatisch und selbstverständlich ergeben würde und automatisch dazu führt, dass nur perfekte Würfe fallen. Auch die Ordnung in der Wurfkiste sei essentiell für die Entwicklung der Welpen, so dürfe man die Welpen nicht umlegen, um die Stellungen nicht zu verwirren und die Entwicklung nicht zu gefährden. Hier drängt sich die Frage auf, wie das örtliche verschieben der Welpen auf den zwei Quadratmetern einer Wurfkiste so großen Einfluss haben kann, dass es die genetische Veranlagung stören kann, aber darauf wird selbstverständlich nicht eingegangen.
Spannend sind auch die Ausführungen zu Fehlentwicklungen in „nicht akzeptablen“ Würfen. So gäbe es angeblich in natürlich strukturierten Verbänden, niemals Mehrfachbesatz. Die Biologie erkennt automatisch, wenn sich Vorderer Leithund und Mittlerer Bindehund verpaaren und begrenzt die Welpenzahl automatisch auf sieben. Laut Ertel krankt die moderne Hundezucht in erster Linie daran, dass IMMER der falsche Deckrüde gewählt wird, weil sich der VLH weder als guter Familienbegleithund noch als Arbeitshund eignet. In der Welt der Rudelstellung ist die natürliche Selektion und Vererbungslehre offensichtlich ein Märchen. Gezüchtet werden soll nicht mit Hunden, die die Eigenschaften aufweisen, die man erhalten will, sondern nur anhand der beim schlafenden Welpen zugeordneten Stellungen, um stets körperlich und geistig gesunde siebener Würfe zu produzieren vom Chihuahua bis zur Deutschen Dogge…
Den Abschluss bilden wieder zwei Blöcke verwackelte Fotos, die irgendetwas von dem geschriebenen verdeutlichen sollen, eine Zusammenfassung, was die Autorin bereits erreicht hat und was sie mit ihrem Verein noch erreichen will, eine Danksagung einer Züchterin, die zu meinem großen Entsetzen im VDH züchtet, Adressen für alle, die sich mehr mit dem Thema auseinandersetzen wollen und nochmal ein Glossar mit einer Kurzerklärung der „wichtigsten“ Begriffe.

Nach 198 Seiten mit übertrieben großem Schriftbild, 119 teils extrem verwackelten Beweisfotos und einer Hand voll Diagrammen dreht sich alles, vor allem weil einem vom andauernden Kopfschütteln mit der Zeit schwindelig geworden ist. Ich hatte erhofft im „Verständigungsschlüssel“ wenigstens ansatzweise eine Erklärung dafür zu finden, wieso immer wieder Hundehalter dieser Philosophie folgen, selbst solche von denen man mehr erwarten würde. Es bleibt unbegreiflich, wie ein Züchter, der auch nur ein einziges Basisseminar in Zucht und Genetik besucht hat, irgendetwas davon glauben kann. Wer sich nie mit der Thematik Hund, Rassen und Charakterbildung auseinandergesetzt hat, könnte an der ein oder anderen Stelle ins Netz gehen, doch spätestens beim Thema „Zucht“ sollte der gesunde Menschenverstand ausreichen, um sehr, sehr skeptisch zu werden und das selbst dann, wenn man der Autorin nicht zufällig früher auf einer großen Online Plattform begegnet ist, zu einer Zeit, in der sie sich offenbar temporär der Lehren ihres Meisters nicht mehr bewusst war.

Das Buch ist ein erschreckendes Zeugnis, wie vehement man echte wissenschaftliche Erkenntnisse leugnen kann und wie schnell man Menschen einwickeln und verführen kann, wenn man nur genug von sich selbst überzeugt zu sein scheint, die Leute auf der emotionalen Breitseite erwischt („DU bist schuld, dass dein Hund seelische Höllenqualen leidet!“) und gleichzeitig eine vermeintlich einfache Lösung parat hält.

Ich hoffe, das nächste Buch auf meiner Leseliste wird mich nicht derart entsetzen und mich nicht erschüttert und fassungslos zurücklassen:

Klaus Glöckner: „Der gewaltfreie Weg zum Verbellen“

Sonntag, 5. November 2017

Der Untergang der Aufklärung






Immanuel Kant definierte Aufklärung als Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Als Unmündigkeit sah er, das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen und „selbstverschuldet“, dass es nicht aus Mangel des Verstandes, sondern der Entscheidung und des Muts lag, dass man nicht wagte ohne Anleitung eines Fremden den eigenen Verstand zu nutzen. Für den Großteil der Menschheit fand die Ära der Aufklärung im 17./18. Jahrhundert statt. Bei Hundehaltern hat man derzeit mehr denn je den Eindruck, dass dieser Zeitpunkt erst noch bevorsteht.

Nach eigenem Wissen und Gewissen zu entscheiden, ist unter immer mehr Hundehaltern offensichtlich verpönt. Es wird streng nach Plan und nach Methode gearbeitet, nur keinen Schritt vom vorgegebenen Weg abweichen, sonst kommt es zu einer Katastrophe, schlimmer als das Versinken von Atlantis oder den Feuern von Pompeji. Wie genau diese Katastrophe aussehen soll, darin ist man sich nicht einig. Manche sprechen von Vertrauensverlust, andere sehen ein unheilbares Trauma über ihrem Hund aufziehen. Einig ist man sich nur darin, dass man keine eigenhändigen Versuche in der Erziehung starten sollte, sondern sich immer auf das Wort seines Trainers, der nach der neuesten wissenschaftlichen, gewaltfreien und absolut anti-aversiven Methode arbeitet, verlassen und zwar buchstäblich.
Bauchgefühl ist trügerisch und gefährlich, denn der gemeine Hundehalter hat nicht das umfassende Wissen, es richtig zu eichen und zu erkennen, wann es einem Unsinn eingibt. Sagt einem das Bauchgefühl also, man sollte den Hund, der gerade auf den Tisch gesprungen ist und den Sonntagsbraten fressen will, einfach mit einem Brüller vom Tisch schubsen, sollte man nie darauf hören, wenn der Hundetrainer geraten hat, gewaltfrei ein positives Ersatzverhalten zu konditionieren. Denn körperliches Einwirken auf den Hund ist böse und darf niemals unter keinen Umständen je eingesetzt werden, sonst kommt es ganz schnell zur großen Katastrophe.

Es beginnt schon früh, in den ersten Lebenstagen und Wochen. Wenn sich der Züchter nicht an den strengen Sozialisierungsplan und die Frühförderung hält, die führende Experten im Labor entwickelt haben, kann man den Wurf eigentlich schon eingraben oder unter großer Warnung an sehr erfahrene Hundehalter vermitteln, die dann versuchen dürfen, diese massiven Fehler in der Welpenzeit mit straffen und minutiös durchstrukturierten Trainingsplänen wieder halbwegs abzupuffern.
Denn mit normalem Welpenverhalten, wie Sachen anknabbern, nicht stubenrein sein, Menschen anspringen oder einfach mal wie von der Hornisse gestochen sinnlos durch die Gegend fetzen, sollte sich niemand mehr auseinandersetzen sollen, da sollte der Züchter bereits durch ausgeklügelte Welpenfüherziehung genügend Vorarbeit geleistet haben. Verständlich, dass sich schnell der Welpenblues beim Hundekäufer einstellt und einem das ganze über den Kopf wächst, wenn man das Pech hat, einen Welpen von einem verantwortungslosen Züchter zu bekommen, der die Hunde ganze einfach in Haus und Garten mit Familienanschluss, ohne besondere Förderung, Prägespiele und großes Programm aufgezogen hat.

Glaubt man den modernen Hundetrainern gibt es im Leben des Hundes keinen Spielraum mehr für das Austesten von Methoden und das Korrigieren des gemeinsamen Weges. Ihre Vorstellung ist bestimmt von vielen Geboten und noch mehr Verboten und alle scheinen absolut zu sein. Es gibt keine Palette an Möglichkeiten, die man je nach Individuum anpassen und variieren kann. Es gibt nur eine Liste, die man erfüllen muss und eine noch längere Liste, die man unter keinen Umständen niemals nicht machen darf, weil sonst – wir erinnern uns – die große Katastrophe droht. Im Alltag stolpert der Hundehalter von einem „du musst immer…“ zum nächsten „du darfst auf keinen Fall…“ und vertraut blind, dass ihn der Trainer auf sichere Pfade und zum Erfolg führt. Auch nach jahrelangen Rückschlägen und sich potenzierenden Problemen wagen es die wenigsten, die Methode zu hinterfragen oder gar zu zweifeln und eine Entscheidung aus dem Bauch heraus zu treffen.
Passiert es doch einmal im Affekt, wird sofort auf diversen Wegen Hilfe gesucht und um Absolution für die Tat gebeten. Geht der Trainer nicht ans Handy und beantwortet WhatsApp und Email nicht, flüchtet man ins nächste Internetforum oder zur verständnisvollen Facebook Gruppe. Es liest sich dann wie folgt:
„Hilfe, heute Morgen ist mir etwas ganz Schlimmes passiert!!!11! Ich habe Angst, dass mein Fido das Vertrauen in mich für immer verloren hat. Wir wollten Gassigehen und Fido ist an der Tür bellend hochgesprungen. Meine Trainerin sagt, ich soll das ignorieren und warten bis er leise ist. Heute hat er sich dabei umgedreht und mich angesprungen und aus Schreck habe ich ihn weggeschubst und ‚nein‘ gerufen. Meine Trainerin hat gesagt, ich soll ihn niemals körperlich maßregeln, weil das ganz schlecht ist. Was soll ich jetzt tun?“
Man würde erwarten, dass auf seine eine Anfrage amüsiertes Kopfschütteln erfolgt. Doch meist ergehen detaillierte Beschreibungen zur Sicherung der Bindung und des Vertrauens und der Rat zu warten, bis sich die Trainerin meldet, um nicht noch größere Schäden anzurichten.

Und während man selbst sich dabei ertappt, im Kopf durchzuzählen bei welchem Plan man selbst gerade bei den einzelnen Erziehungs- und Ausbildungsteilen ist – ich glaube ich schwanke je nach Hund und Aufgabenbereich zwischen Plan C und Plan L – sieht man den anderen zu, wie sie sich mit Gewalt an Plan A klammern, den eigenen Verstand und das Bauchgefühl hinter einer dicken Wand einmauern und fragt sich, ob die Sonne der Aufklärung erst noch über den Hundehaltern aufgehen muss, oder ob sie bereits untergegangen ist und sich nur noch die letzten von uns am alten Wissen festklammern und die Zukunft der Hundehaltung wirklich nur noch aus „ihr müsst auf jeden Fall“ und „ihr dürft niemals“ besteht und diejenigen, die eine kleine Abzweigung oder eine individuelle Routenführung auf dem Weg zum Ziel bräuchten, eben einfach Pech haben und auf der Strecke bleiben werden, weil selbstständig und selbstbestimmt denken und fühlen abgeschafft wurden.


Donnerstag, 14. September 2017

Einen Sommer lang...




Die Ferien sind vorbei, auch die letzten Urlauber sind auf dem Weg nach Hause und viele kommen nicht alleine zurück aus dem Süden. Man hat sich im Urlaub verliebt, in den struppigen Streuner vom Strand, den armen vernachlässigten Windhund der zwei Straßen vom Hotel entfernt im Verschlag gehalten wurde, oder oder…
Manche investieren Geld, lassen den Hund in Pension bei einer Tierschutzorganisation vor Ort bis die Gültigkeit der Impfungen in Kraft tritt, andere packen den vierbeinigen Liebling zwischen die Koffer und schmuggeln ihn – in der Hoffnung nicht kontrolliert zu werden – durch halb Europa. Doch was unter der Sonne des Südens im Taumel der ersten Verliebtheit noch wie eine tolle Idee und die Erfüllung aller Träume schien, kann im Alltag schnell umschlagen.
Natürlich gibt es ein paar Wenige, die sich die Rettungsaktion des neuen Seelenverwandten vom Straßenrand gut überlegt und mit allen Konsequenzen durchdacht haben, es gibt die, die einfach Glück haben und einen gesunden, anspruchslosen und anpassungsfähigen Begleiter bekommen haben und dann gibt es noch die Anderen…
Die ersten Tage ist man noch im Freudentaumel über den neuen Mitbewohner, doch dann beginnen die Probleme. Der Hund, der zuvor so sorglos draußen durch die Straßen streifte, weigert sich plötzlich die Wohnung zu verlassen, beginnt zu schreien, wenn man ihm ein Geschirr anlegt und schlägt vor Panik Saltos, um es wieder los zu werden. Hat man es dann doch geschafft, den Hund ins Freie zu befördern, versucht er sich in jeder Ecke zu verkriechen und wenn man die Leine nicht wirklich ordentlich festhält, startet er in einer plötzlichen Angstattacke durch und verschwindet am Horizont.
In den ersten Wochen nach dem Urlaub zieren jedes Jahr wieder unzählige Suchplakate nach entlaufenen Hunden Bäume, Straßenlaternen und Internetplattformen. Manche Hunde schaffen es nicht einmal bis ins neue Zuhause, sondern ergreifen bereits bei einer kurzen Rast am Autobahnparkplatz die Flucht. Glücklich kann sich von ihnen schätzen, wer es lebend von der Autobahn wegschafft. Andere fliehen in Panik beim ersten Gassigang oder türmen einfach aus dem Garten, weil ein Zaun für sie nie ein besonderes Hindernis war in ihrem bisherigen Leben. Manche dieser Hunde tauchen wieder auf, entweder lebend in einem Tierheim oder tot im Straßengraben, manche bleiben verschwunden.
Doch auch wenn der neue Besitzer die Leine festhält und das Geschirr nicht verrutscht, ist das neue Leben mit der Sommerliebe nicht so rosig, wie man sich das gedacht hatte. Der neue Begleiter ist nicht stubenrein, alleine bleiben kann er auch nicht und ist das in den restlichen Urlaubstagen nur eine Unannehmlichkeit an der man noch arbeiten möchte, wird es zu einem ernsthaften Problem sobald die Kinder wieder in der Schule oder man selbst in der Arbeit ist. Möbel, Böden und Türen leiden ebenso wie die Nerven der Nachbarn.
Wirklich fressen will der neue Hund auch nicht. Egal was man in den Napf füllt, es wird misstrauisch beäugt, kurz angeleckt und stehen gelassen. Mensch ist verwirrt, denn eigentlich sollte der Gerettete, der doch vorher fast verhungert wäre, sich auf den vollen Napf stürzen und sich im siebten Himmel fühlen. Doch der Hund verweigert alles was im dargeboten wird. Draußen frisst er jeden Müll den er neben der Hauptstraße findet, ist er allein zu Hause plündert er den Müll und frisst ihn samt Plastiktüte. Weil irgendwann auch noch Durchfall dazu kommt und man sich langsam wirklich Sorge um die Gesundheit seiner Sommerliebe zu machen beginnt, besucht man den Tierarzt. Und zur eigenen Bestürzung wird man dort nicht für sein Engagement und seine Tierliebe gelobt, sondern erhält erstmal einen verbalen Einlauf für die illegale Einfuhr und die Drohung einer Anzeige sollte man sich nochmals zu solchem Unsinn hinreißen lassen. Darum reagiert man auch etwas ungehalten, wenn der Tierarzt zu einem großen Check inklusive Mittelmeerkrankheiten rät, man möchte sich ja nicht abzocken lassen. Also nur schnell allgemeine Untersuchung, Zähne anschauen, Kotprobe nehmen. Hier fallen zum ersten Mal die Worte „nicht vorhandene Futterprägung“ und „Stress“ als Ursachen für die Probleme.
Unter ersterem kann man sich nicht wirklich etwas vorstellen und zweiteres schmettert man ab, immerhin war das Leben auf der Straße und der tägliche Überlebenskampf viel mehr Stress als das gemütliche Leben in der Stadtwohnung mit den schönen Runden durch den Park, die man nach zwei Wochen auch schon fast ohne Kreischen beim Anlegen des Geschirrs tragen kann.
Also nimmt man die Sommerliebe wieder mit nach Hause, wartet auf die Ergebnisse und kauft noch ein weiteres Futter, diesmal mit mediterranen Kräutern, vielleicht mag der Südländer ja das fressen.
Zwei Tage später kommt dann der Anruf vom Tierarzt, die Kotprobe führt ein gewaltiges Eigenleben. Die Nerven liegen langsam blank. Nicht nur dass man den wurmdurchsetzten Kot gerade mal wieder aus dem Kinderzimmer wischt und sich die Nachbarn mal wieder beschwert und mit dem Vermieter gedroht haben, weil der Hund ständig heult, war man ohnehin kurz davor wieder beim Tierarzt anzurufen. Als man mit dem Hund einen kleinen Ausflug machen wollte, ist das Treffen mit zwei anderen Hunden nicht so gelaufen wie erwünscht, die überschäumend freundliche Annäherung des eigenen Hundes wurde brutal abgeschmettert und nun humpelt der Liebling.
Wieder in der Tierklinik bekommt man als erstes eine Tüte mit Medikamenten gegen Einzeller, Würmer und sonstige Parasiten, die sich im Darm tummeln, dann geht es ab auf den Röntgentisch. Eine frische Verletzung ist nicht zu sehen, dafür eine alte. Irgendeinen Zwischenfall schien es schon einmal gegeben zu haben, zumindest sieht die Hüfte nicht normal aus und die Arthrose wächst bereits kräftig. Behandlung nur konventionell möglich, der Hund wird damit leben müssen. Schonung, Medikamente, Physiotherapie zum Muskelaufbau, keine großen sportlichen Unternehmungen und die Treppen bis hoch in die Wohnung sind tägliches Gift. Und wieder der Rat zur Sicherheit auf die gängigen Mittelmeerkrankheiten testen zu lassen.
Erneut lehnt man ab, nimmt die Medikamente mit nach Hause, behandelt Durchfall und Schmerzen und versucht sich daran zu erinnern, wie schön es doch zu Beginn war, als man sich am Strand verliebte, den neuen Freund mit Brotresten aus dem Restaurant gefüttert hat und beschloss, dass er sein Leben mit einem verbringen soll.

In der Zwischenzeit ist ein halbes Jahr vergangen. Die erste Abmahnung vom Vermieter ist ins Haus geflattert, zusammen mit der Rechnung für die wöchentliche Sitzung bei der Tierphysiotherapie und die Schmerzmedikamente und auch die Abbuchung für die Trainer Einzelstunden vom Konto kam gerade. Der Hund hat immer noch nicht gelernt ohne Terror alleine zu bleiben, deshalb soll nun bald ein Tiersitter her, der sich um ihn kümmert. In der Hundetagesstätte weigert man ihn sich aufzunehmen, so lange er die großen nässenden Ekzeme auf den Beinen hat, die sich vor ein paar Monaten gebildet haben. Der Tierarzt hat mehrere Tests durchgeführt und mal wieder davon gesprochen, dass es vom Stress kommt, Leckekzeme. Die Kinder haben das Interesse am Hund längst verloren, die Freundschaft zwischen Nachwuchs und Vierbeiner war vorbei als er zum widerholten mal auf ihre Sachen uriniert und das Spielzeug zerbissen hatte. Gassigehen können sie mit dem Hund auch nicht, weil immer noch die Gefahr besteht, dass er sich bei einem unerwarteten Geräusch losreißt und davonläuft.
Und langsam merkt man, dass die Liebe, die unter südlicher Sonne doch so heiß gelodert hat, im gemeinsamen Alltag schneller abkühlt als man gedacht hatte und eines Tages liegen dann zwei Dinge auf dem Küchentisch… Die Tageszeitung mit Anzeigen für Häuser in ruhiger Lage und die Telefonnummer des Tierheimes. Manch einer wird den Kampf um seine sommerliebe aufrechterhalten und sein ganzes Leben und das seiner Familie auf die Bedürfnisse des neuen Gefährten runterbrechen und manch einer wird die Trennung durchziehen, denn nicht jede Sommerliebe hält länger als bis zum ersten Winter.


P.S. Da mir bewusst ist, dass sich gleich wieder ein Mob finden würde, der von Schwarzmalerei reden wird, die Geschichte ist eins zu eins so passiert. Die Entscheidung der Dame möchte ich jedoch offenlassen. Da kann sich jeder seine eigene „richtige“ Version denken.