Samstag, 26. Dezember 2015

Der Feind trägt Weiß



Es ist psychologisch erwiesen, dass nur wenig das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gruppe derart stärkt, wie ein gemeinsames Feindbild. In der Hundehalterwelt gibt es viele „Feinde“ die nur darauf lauern, einem selbst und dem geliebten Vierbeiner das Leben schwer zu machen. Liest man sich aktuell die Beiträge vieler Hundebesitzer in diversen Foren durch, erkennt man, dass sich gerade ein neues Feindbild herauszukristallisieren beginnt und der neue Feind trägt Weiß

Immer öfter beschleicht den geneigten Leser der Eindruck, dass Tierärzte für immer mehr Hundehalter die Inkarnation des Bösen verkörpern. Sie sind dumm, unflexibel, geldgeil und trachten den lieben Vierbeinern doch nur nach dem Leben, um an ihren Leiden zu verdienen.
Vorab, auch ich bin bereits auf Tierärzte getroffenen, bei denen man sich bisweilen fragte auf welchem Schwarzmarkt sie ihren Doktortitel gekauft haben, allerdings gibt es in jeder Profession nun mal Pfuscher, die ihren Beruf nicht beherrschen.

Doch darf man den Aussahen mancher Hundebesitzer Glauben schenken, sind dies nicht die unrühmlichen Ausnahmen, nein, die Majorität der Tierärzte sind schwarze Schafe. So eröffnet jeder Tierarzt direkt nach dem Studium eine eigene Praxis, angegliedert an das neugebaute Wohnhaus in Kingsize Größe – bezahlt von dem Geld, dass er den armen Patientenbesitzern aus der Tasche gezogen hat – und in der Auffahrt steht selbstverständlich mindestens eine S-Klasse, die allerdings nur der Praxisputze gehört, denn mit einem solch armseligen Gefährt würde sich ein Tierarzt nie zufriedengeben.

Wehe dem unbedarften Hundebesitzer, der sich in eine Praxis verirrt. Viele erfahrene Hundebesitzer warnen online bereits eindringlich davor, dem Feind in Weiß auch nur ein einziges Wort zu glauben und wer nicht die einzelnen Posten der GOT auswendig herunterbeten kann, sollte sich hüten irgendetwas zu bezahlen, was er nicht von einem Anwalt hat prüfen lassen. Und liest man sich durch die diversen Beiträge, scheinen Tierärzte auch komplett überflüssig zu werden. Jeder zweite Hundetrainer hat plötzlich – ebenso wie viele Tierschützer – plötzlich die magische Gabe, Gelenkerkrankungen durch bloßes Hinsehen zu erkennen, Röntgen oder gar CT überflüssig und für eine Herzuntersuchung gibt es bei Amazon ein Stethoskop zu kaufen, hören kann ja jeder. Für jede Krankheit vom Analdrüsenkrebs bis zur Zyste gibt es die Online Ferndiagnose der dutzenden allwissenden Hundeprofis in Foren und auf Facebook und sind diese sich einmal uneinig oder gar unsicher, findet sich immer ein ganz Gewiefter, der Dr. Dr. Google und Chefarzt Wikipedia zu Rate ziehen und bei Bedarf ganze Absätze aus ihren virtuellen Fundstücken zitieren, ohne auch nur einen Halbsatz daraus verstanden zu haben.

Generell wundert man sich beim Lesen vieler Vorstellungen vom idealen Tierarzt doch, wieso anscheinend kaum ein Tiermediziner diesen paar Wünschen entsprechen kann. Was will der gemeine Hundehalter denn schon großartig? Eine Praxis, die so zentral gelegen ist, dass man sie jederzeit auch ohne eigenes Auto erreichen kann und natürlich muss an 365 Tagen 24 Stunden lang jemand dort auf einen warten. Natürlich sollte ein Besuch mit dem kranken Hund auch Samstagabend ohne Termin möglich sein und wenn man mal wochentags kurz vor Mittag in die Praxis stürmt, kann es nicht sein, dass man länger im Wartezimmer sitzen muss, als es dauert, dass die Praxisgehilfin die Akte des Hundes im Computer heraussucht. Regelmäßige Fortbildungen sollten selbstverständlich sein, schließlich muss sich der Dorftierarzt auf allen Gebieten auskennen, von der Augenuntersuchung des Zwerggekkos über die Herzdiagnostik beim Cavalier King Charles Spaniel bis hin zur künstlichen Befruchtung beim Koi sollten Wissen und Fertigkeiten schon reichen. Spezialisten sind – wie bereits erwähnt – geldgeile Halsabschneider, die niemand wirklich braucht, ein guter Tierarzt kann das alles und noch mehr, unser Zahnarzt kann schließlich auch unsere Sehstärke messen und Hautkrebs diagnostizieren. Auf keinen Fall sollten Tierärzte Futter verkaufen oder gar Medikamente verschreiben, denn all das dient nur der Gewinnmaximierung. Von Fütterung haben sie sowie so und nie Ahnung, da sie alle von der Industrie geschmiert werden, natürlich außer dem einen Tierarzt, der zufällig genau die Futtersorte vertreibt, die man selbst gut findet.

Ja es ist nicht leicht, einen guten Tierarzt zu finden, also seit gewarnt, liebe Hundehalter! Solltet ihr feiertags um 4 Uhr morgens in die Praxis kommen und nach einer eingehenden Untersuchung, einem großen Blutbild, einem Ultraschall und drei digitalen Röntgenaufnahmen mehr auf der Rechnung stehen, als 50€, dann ist irgendetwas falsch gelaufen.  Wer sich also unsicher ist, ob sein Tierarzt ein heimtückischer Abzocker ist, der eventuell gerade die fünfte Fehldiagnose in Folge gestellt hat, der soll um Himmelswillen nicht das vertrauliche Gespräch mit dem Veterinär seines (bisherigen)Vertrauens suchen, sondern soll sich dringend auf Facebook oder ins nächste Hundeforum begeben. Dort wird sich immer mehr als ein User finden, der zu allen Risiken und Nebenwirkungen schnell den richtigen Google Link oder den passenden Wikipedia Artikel findet und einen mit dem eigenen Pseudowissen endgültig komplett verunsichert.

Und nur um sicher zu gehen hier noch der Warnhinweis:

Achtung dieser Text könnte Spuren von Ironie und Sarkasmus enthalten! Mögliche Nebenwirkungen: Verwirrt sein, persönlicher Groll und gekränktes Ego.


Samstag, 5. Dezember 2015

Das große Schweigen


Die Schweigepflicht gehört untrennbar zu bestimmten Berufsgruppen und auch im Zwischenmenschlichen wird das Schweigen noch immer zu den Tugenden gezählt. Höflich, diskret und in der Hundewelt so unendlich töricht.


Schon Sierra Milton schrieb 2004 einen Artikel mit dem (eingedeutschten) Titel „Omerta oder das Schweigen der Züchter“ in dem sie das Verschweigen von Erbkrankheiten unter den Rassehundezüchtern anprangerte. Viel geändert hat sich in den 11 Jahren die seit Erscheinen ihres Artikels vergangen sind anscheinend nicht. Zwar gibt es immer mehr Züchter, die sich Aufklärung und Offenheit auf die Fahnen geschrieben haben – auch wenn ihnen diese Ehrlichkeit selbst zum Nachteil gereicht – aber noch immer hüllen sich viele in Schweigen.


Doch nicht nur in den Reihen der Züchter hüllen sich viele in Schweigen, auch unter den normalen Hundehaltern gilt für viele die Weitergabe von Informationen und Daten schon fast als Sakrileg. Kann man es beim Züchter noch irgendwo nachvollziehen, auch wenn man es nie gutheißen kann, dass Geschwiegen wird um eigene Fehler nicht eingestehen zu müssen oder finanzielle Einbußen zu verhindern, wundert einen das verbissene Schweigen beim Privathundehalter umso mehr. Die eigenen Erfahrungen und das eigene Wissen werden gebunkert und als Verschlusssache behandelt, niemand soll erfahren, wie es im inneren aussieht.
Ein paar verschwommene Andeutungen sind das höchste der Gefühle, was weitergegeben wird. Sehr schönes Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit: Bei der Diskussion rund um eine rückläufige Erbkrankheit der Rasse Dobermann, berichtete eine Dame, man müsse die Krankheit ernster nehmen, ein mit ihr befreundeter Züchter hätte die Zucht eingestellt, da er mehrere Hunde auf Grund dieser Krankheit hätte einschläfern müssen und auch die Nachzucht betroffen war. Auf die Antwort nach dem Namen der betroffenen Zuchtstätte und der verstorbenen Hunde, warte ich bis heute vergebens. Nachfragen werden strikt ignoriert und somit wird einem jegliche Möglichkeit genommen, sich weiter zu informieren.


Gleiches gilt für die Sterbedaten von Hunden. Gerade in einer Zeit in der die DCM Thematik für viele Dobermannbesitzer zum Alltag gehört und sie oftmals die zentrale Frage beim Kauf des nächsten Hundes darstellt, gibt es kein größeres Problem, als das beharrliche Schweigen vieler Menschen. Die Schere der Reaktionen klappt an dieser Stelle erschreckend weit auseinander. Während manche die Krankheit ihrer Hunde öffentlich regelrecht zelebrieren, schweigen sich andere komplett darüber aus. Die Daten von erkrankten Hunden verschwinden, ebenso wie der betroffene Hund früher oder später und die Besitzer schweigen.


Mag sein, dass der ein oder andere Repressalien von Seiten des Züchters befürchtet, doch wieso sich der Rest in Schweigen hüllt, wird wohl immer ihr Geheimnis bleiben. Vielleicht haben sie Angst, dass schlechte Gesundheit oder Leistungsschwäche auch ein schlechtes Licht auf sie als Halter werfen könnte, wer weiß.
Manche nutzen ihr Wissen auch als kindische Machtdemonstration, um den weniger Wissenden eine Nase zu drehen, sie mit dem geheimen (vermeintlichen) Wissen locken und es ihnen dann nur vorzuenthalten, um die eigene Position zu stärken.


Wie man es dreht und wendet, einen vernünftigen, erwachsenen Grund für das Schweigen gibt es nicht. Das Leben wäre so viel einfacher, wenn sich endlich alle an diesem Punkt dazu durchringen könnten ehrlich mit den Themen umzugehen. Wissen ist sicherlich auch in diesem Fall Macht, eine Macht die man nicht missbrauchen sollte und die man nur nutzen kann, wenn sie mit möglichst vielen Personen geteilt wird.


Es bleibt zu hoffen, dass sich das Schweigen nicht wieder weiter ausbreitet und objektive Informationsweitergabe zwischen Hundehaltern nicht per se als Tratsch oder gar üble Nachrede abgewertet wird.  Sollte sich diese Haltung nicht ändern, gibt es wohl für die Zukunft vieler Rassen und ihrer Halter nur ein mögliches Ende und an dieser Stelle sei es gestattet Brecht zu zitieren, der dafür die wohl passendsten Worte gefunden hat:


Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
Den Vorhang zu und alle Fragen offen.

Sonntag, 22. November 2015

Thomas Baumann - Mehrhundehaltung... gemeinsam zu mehr Harmonie


Unser siebtes Buch.

Baumann gehört in der Hundeszene immer noch zu meinen Lieblingsautoren. Der ehemalige Diensthundeführer zeigt in seinen Büchern immer einen starken Hang zum Realismus, keine selbsterdachten Philosophien mit pseudoesoterischen Anleihen, kein moralinsaurer Unterton und auch keine übertrieben emotionale Sichtweise. Sondern einfach nur eine objektive Herangehensweise an die Probleme unter Berücksichtigung der klassischen Lerntheorie.

In diesem Buch widmet sich Baumann den Vorteilen und auch den Problematiken der Mehrhundehaltung. Einem Thema, das auch nach Ansicht des Autors immer mehr zu einem Modethema wird, da der Trend immer stärker zum Mehrhundehaushalt geht.
Baumann beginnt ausführlich mit den möglichen Integrationsmodellen. Welche Möglichkeiten gibt es um Einzeltiere in bestehende Gruppen zu integrieren, wie führt man Gruppen zusammen. Baumann nimmt sich Zeit, genau aufzuschlüsseln wieso welche Tiere in welcher Reihenfolge zusammengeführt werden und wieso die Auswahl der Reihenfolge in einigen Fällen entscheidend für den Erfolg der Vergesellschaftung sein kann.

Im weiteren Verlauf beschäftig sich Baumann mit der Aufwand Analyse für den Mehrhundehaushalt. Was muss Hund mitbringen für ein erfolgreiches Gruppenleben, welche „Kosten“ hat das Leben im Mehrhundehaushalt für den einzelnen Vierbeiner und vor allem, was bedeutet dies im Zusammenleben für den betreuenden Menschen. Was muss Mensch an Organisation und Kontrolle leisten können, um ein Gelingen der Mehrhundehaltung sichern zu können? Dem stellt Baumann im Folgekapitel die Nutzen des Lebens in der Gruppe für die einzelnen Individuen gegenüber.
All dies begleitet Baumann durch sämtliche Kapitel mit ausführlichem Bildmaterial und Beispielen aus seiner Berufspraxis.

Besonders warnt Baumann erneut vor den Auswirkungen von überholten Alphatheorien aber auch vom Festhalten an allgegenwärtigen Patentlösungen. Es wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die Beziehungen zwischen den Individuen immer so speziell betrachtet werden müssen, wie die Individuen selbst. In Kombination mit den Wechselwirkungen der Gruppendynamik verbieten sich pauschale Lösungsansätze im Grunde von selbst.
Auch mahnt Baumann an, sich nicht von der Vorstellung vom Rudeltier Hund und dem neuen Trend zur Mehrhundehaltung dazu hinreißen zu lassen, dass ausnahmslos jeder Hund mit einem oder mehreren Artgenossen in seinem Haushalt glücklicher ist.

Auch dem alltäglichen Spaziergang widmet Baumann ein eigenes Kapitel. Er gibt Tipps zu Struktur und alltagstauglicher Erziehung und regt Beschäftigungsmöglichkeiten für die ganze Gruppe oder auch einzelne Mitglieder an. Baumannkenner wird es nicht verwundern, dass in diesem Kapitel – wie in fast jedem seiner Bücher – sein ZOS-Training vorgestellt wird.

Den Abschluss bildet ein mehr als ausführliches Kapitel mit Beispielen aus Baumanns Berufsalltag. Insgesamt werden zehn Problemstellungen mit verschiedenen Gruppenstärken, beteiligten Rassen und Ausgangslagen genauer vorgestellt und besprochen.

Im Großen und Ganzen klingt die Zusammenfassung sehr positiv und man muss Baumann auch zugestehen, dass er erneut ein wichtiges und aktuelles Thema mit qualitativ hochwertigem Wissen seinen Lesern präsentiert hat. Die große Schwachstelle des Buches präsentiert sich jedoch sehr deutlich am letzten Kapitel. Baumann tendiert in diesem Buch sehr stark dazu die Theorie mit vielen Beispielen zu umkleiden. Das letzte Kapitel, das einzig aus Beispielanalysen besteht aus 85 Seiten, in einem 287 Seiten Buch. Zieht man das diesmal sehr großzügig verwendete Bildmaterial, das Beispielkapitel und die im laufenden Text ständig verwendeten Beispiele ab bzw. würde sie auf ein notwendiges Minimum reduzieren, könnte man „Mehrhundehaltung“ mit Leichtigkeit auf die Hälfte des vorliegenden Buchblocks reduzieren, ohne etwas vom relevanten Inhalt zu verlieren. Bei einem Neukaufpreis von 39€ beschleicht einen phasenweise leider das Gefühl, als hätte man versucht möglichst viele Seiten zu füllen, um den Preis zu rechtfertigen. Die präsentierten Inhalte sind richtig und wichtig, aber die Frage muss erlaubt sein, ob sie nicht besser als mehrere Kapitel im Rahmen eines größeren Buches, oder als kleinere gestraffte Ausgabe präsentiert worden wären. Man sollte Baumanns Aussagen, Ideen und Problemlösungsansätze zum Thema Mehrhundehaltung gelesen haben, aber ich kann dennoch jeden Leser verstehen, der durch den Preis etwas verstimmt ist.


Als nächstes Buch auf der Leseliste:
Hellmuth Wachtel – Hundezucht 2000

Donnerstag, 15. Oktober 2015

Bruder DV schläfst du noch...


…schläfst du noch? Hörst du nicht die Glocken, hörst du nicht die Glocken? Ding, Ding Dong…

In anderen Vereinen haben sie schon die neue Ära eingeläutet. Selbst der SV der weithin als DAS Sinnbild schlecht hin für verstaubte Altherrenriege gilt, schafft Schritt für Schritt den Weg in die Neuzeit. Neue Trainingswege, flächendeckend zugängliche Informationen rund um Zucht, Sport und Gesundheit dank den neuen Medien und offene Diskussionen rund um Probleme der Rasse, all das hält Einzug in den anderen Vereinen und Verbänden.

Und der DV? Der scheint hinter einer Dornenhecke noch im Dornröschenschlaf zu schlummern und von alle dem nichts mitzubekommen.

Egal ob in Bereichen der Gesundheit, der Ausbildung, der Zucht oder der schieren Bereitstellung von Informationen, der DV verschläft die Zeichen der Zeit und während andere fleißig ihre Internetseiten bearbeiten, um Mitgliedern und Rassefreunden immer die neuesten Informationen breitzustellen, dreht man sich im DV noch einmal um und zieht sich die Decke über den Kopf.

Es ist derzeit schlicht nicht möglich, vernünftige Informationen rund um Veranstaltungen des DV zu bekommen. Und dabei geht es hier nicht um kleine Ortsgruppenprüfungen in Hinterdupfing oder Spaßturniere, selbst bei der LGA grenzt es an Glück, wenn man als Nicht-Starter erfährt, wo und wann diese stattfinden. Davon vorab eine Liste der Teilnehmer zu finden, darf man nicht einmal träumen.

Wer es trotz der schlechten Nachrichtenlage auf eine Veranstaltung schafft, bekommt ein breites Leistungsspektrum präsentiert. Auf der einen Seite sieht sehr ansprechende moderne Arbeiten von gut ausgebildeten Hunden, auf der anderen sieht man Teams, bei denen man sich fragt, wie sie jemals auch nur eine Ortsgruppenprüfung bestehen konnten. Dabei hat man nie den Eindruck, dass Hund und Hundeführer einfach nur einen schlechten Tag oder schieres Pech hatten, man sieht die Spuren von längst überholten Ausbildungsmethoden und Zielen. Endgültig vom Glauben fällt man jedoch ab wenn der Leistungsrichter bei der Beurteilung eines startenden Kollegen zum Drei-Punkte-Richter mutiert und mit größter Anstrengung mehrmals einen Abbruchgrund während der Prüfung übersieht. Ein Wort der Warnung sei an dieser Stelle auch an all jene Zuschauer gerichtet, die sich bei der Prüfung ablenken lassen oder noch schlimmer, gar nicht erst angereist sind: Auf die Online-Präsentation der Prüfungsergebnisse werdet ihr vergeblich hoffen. Wer also wissen möchte, wieso Hund X Punktezahl Y bekommen hat und vor allem, welche Punktzahl das im Einzelnen war, muss persönlich und mit wachen Ohren vor Ort sein.

Generell beschleicht den Sportler das Gefühl, dass das Thema Dobermann als Gebrauchshund beim DV keine besondere Relevanz mehr hat. Wieso man den letzten verbliebenen Sportlern, die der Rasse noch die Treue halten und nicht ganz modern einen Mali am Strick führen,  das Leben so schwer macht und ihre Leistungen so wenig würdigt, wird wohl ein ewiges Rätsel bleiben.

Ebenso unbegreiflich wird der derzeitige Umgang des DV mit dem Thema Rassegesundheit bleiben. Es ist verständlich, dass man sich angesichts der massiven Attacken und der breitangelegten Hetze gegen den Verein vorsichtig mit öffentlichen Äußerungen geworden ist. Das unangemessene Benehmen der Gegner kann aber keine Entschuldigung dafür sein, dass sich der DV wie die Schildkröte in den Panzer zurückzieht und alle Probleme einfach leugnet. Niemand erwartet, dass der Vorstand morgen wie der Deus ex Machina aus dem Nichts auftaucht und die Antwort auf alle Fragen inklusive der erhofften Lösung aus dem Ärmel schüttelt. Es würde den Meisten bereits reichen, würde einmal jemand öffentlich Stellung beziehen und den derzeitigen Status der Rasse als problematisch anerkennen. Doch bisher hat niemand aus den offiziellen Rängen eine Bereitschaft zum Dialog signalisiert. Züchter und Welpenbesitzer werden mit ihren Erlebnissen und Ängsten alleine stehen gelassen. Statt gemeinsam geschlossen in die Zukunft zu gehen und gemeinsam Lösungsansätze zu erarbeiten, schottet man sich immer weiter von der Basis ab und harrt der Dinge, wohl in der Hoffnung, dass all das, wie ein böser Traum, von alleine vorübergehen wird.

Und für den Dobermannfreund bleibt nur eins zu tun. Er steht vor der Dornenhecke, die den DV umwuchert und hofft, dass eine neue Vorstandsgeneration endlich den Prinzen hervorbringen wird, der den jahrelangen Schlaf beenden wird, denn der Glockenschlag von außen verhallt bisher ungehört. Ob es die märchenhafte Wende noch geben wird… viele zweifeln immer mehr, viele sind bereits verzweifelt und haben der Rasse den Rücken zugekehrt.

Und ich… ich möchte glauben.
Ich möchte glauben, dass es für den Dobermann eine Zukunft gibt. Eine Zukunft, in der er wieder als zuverlässiger und leistungsstarker Gebrauchshund bekannt ist. Eine Zukunft, in der man nicht ab dem Welpenkauf in der ständigen Angst vor DCM lebt.

Ich möchte glauben, aber der schlafende DV macht es mir fast unerträglich schwer.
 

Montag, 12. Oktober 2015

Milan Hoyer, Klaus Jadatz – Fährtenarbeit


Unser sechstes Buch.

Ich möchte an dieser Stelle ein kleines Vorwort vorausschicken. Ich gehöre zu den IPO Sportlern, die leidenschaftlich gerne Fährten gehen. Wenn Arbeit und Gelände es zulassen, bin ich jeden Tag die Woche in den Feldern unterwegs, spieße Fährtenschilder in die Erde, trample durch die Wiesen und lasse Gegenstände fallen. Das Fährten ist allerdings immer noch ein wenig das Stiefkind unter den IPO Disziplinen, ein notwendiges Übel, auf das Viele gerne verzichten würden.
Aus diesem Grund freue ich mich immer ganz besonders, wenn es neue Bücher zum Thema Fährte gibt. Geben sie mir doch die Hoffnung, dass man Neueinsteigern von Anfang an eine Hilfestellung bieten kann. Denn verläuft der Einstieg positiv macht meist auch der Sport Spaß.

An dieser Stelle kommt das neue Buch von Hoyer und Jadatz ins Spiel. Im Untertitel wird „Fährten lernen ohne Stress und ohne Zwang“ versprochen. Milan Hoyer gilt in weiten Kreisen als der Fährten Papst und mit entsprechend hohen Erwartungen habe ich das kleine Büchlein gekauft.

Auf 96 Seiten stellt Hoyer seine ganz eigene Methode zum Fährtenaufbau vor. Kleinschrittig und gut verständlich wird das Herangehen an die Ausbildung geschildert, von der Vorarbeit im Grundgehorsam, über die Vorbereitung des Futters für die Fährte und die ersten Schritte im Geruchsfeld bis hin zum schrittweisen Aufbau der ganzen Fährte bis zur Prüfungsreife. All das ist eingängig und leicht nachvollziehbar in logisch auf einander aufbauenden Schritten beschrieben und gibt dem Leser einen sehr schönen Einblick in die Arbeitsweise von Milan Hoyer.

Wirklich begeistern und mitreißen kann mich das Buch jedoch nicht und auch bei einer allgemeinen Empfehlung an andere Fährteninteressierte, hätte ich etwas Bauchschmerzen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen der kleine – allen Schreibern und Sportlern eigene – Fehler, eigene Vorlieben mit einer Pseudobegründung  als absolut logische und allgemeingültige Schlussfolgerung darzustellen, Im Fall von Hoyer ist dies das Suchen am Halsband ohne Geschirr. Die Begründung, der Hund könne sich beim Geschirr schneller in der Leine verheddern beim Suchen und deshalb würde darauf verzichtet, halte ich persönlich einfach für eine Ausrede, um die eigene Vorliebe fürs Suchen am Halsband zu untermauern. Ob und wie schnell sich der Hund in die Fährtenleine wickelt, dürfte eher mit dem Material der Leine und dem Geschick des Hundes zusammenhängen, als mit der Frage ob die Leine am Halsband oder am Geschirr hängt.
Aber das ist eher eine kleine Nebenbaustelle, die ich mit einem Lächeln zur Kenntnis nehme, findet man sie doch in jedem Sportratgeber von namhaften Sportlern. Deutlich schwerwiegender finde ich, dass die beschriebene Methode zeitlich wie finanziell sehr aufwändig und nicht sehr flächenschonend ist.

Ich gehöre zu den Menschen, die gerne spontan Fährten gehen, die sich bei passendem Wetter und ein paar freien Stunden mit Kollegen am Nachmittag verabreden und hinaus ins Fährtengelände ziehen. Nach Hoyers Methode ist dies gerade am Anfang nicht machbar. Es wird genau beschrieben, wie das Futter zur Bestückung der Fährte am Vortag vorbereitet werden muss. Für eine Fährte benötigt  man entfettetes Rinderhack, gemischt mit Hähnchenbrust oder ähnlichem im 900g Pack. Kauft man nicht gerade in der Billigpreisecke beim Discounter kostet die Fährte damit schnell 6€ aufwärts pro Suchdurchgang. Hinzukommt, dass Hoyer schon zu Beginn sehr lange Liegezeiten für die Geruchsfelder empfiehlt. Am schwerste wiegt an dieser Stelle jedoch meiner Meinung nach, dass man sich mit der beschriebenen Legeweise jeden Landwirt zum Feind macht, der einem einmal erlaubt, seine Wiesen zu nutzen. Es wird explizit darauf hingewiesen, dass man deutliche Bodenverletzungen erzeugen soll und betrachtet man die Fotos, wird all jenen die auf ein friedliches Miteinander von Landwirten und Fährtengängern bedacht sind, flau im Magen. Wiesen auf denen ein derartiger Flurschaden angerichtet wird, dürften sich an den betroffenen Stellen auf Wochen nicht erholen.

Traurig stimmt mich bei dem Buch aus, dass der Hundeführer im besten Fall als unnützer Störfaktor wahrgenommen wird. Aus diesem Grund werden Hunde – laut Buch – auf den Seminaren auch zuerst von Hoyer persönlich geführt, bevor der Besitzer die Leine wieder in die Hand bekommt. Im schlimmsten Fall ist der Hundeführer sogar der große Stressfaktor und Angstauslöser für den Hund, der das Fährten (fast) unmöglich macht. Ich muss gestehen, dass mir diese Sichtweise als Ausgangspunkt massiv widerstrebt und ich Hund und Hundeführer viel lieber als Team sehe, die sich gemeinsam einer Aufgabe stellen und gemeinsam diese wundervolle Teildisziplin der IPO erarbeiten.

Den Abschluss des Buches machen dann ein paar Tipps zur Überwindung der häufigsten Probleme auf der Fährte und der Dankesbrief eines Seminarteilnehmers.

Das Buch lässt mich mit etwas zwiespältigen Gefühlen zurück. Ich denke, dass Hoyers Methode gerade für Hunde denen man mit zu viel Zwang oder gar Gewalt auf der Fährte das Suchen vergrämt hat, eine sehr gute Wiedereinstiegschance und einen Weg für den erfolgreichen Wiederaufbau bietet. Für den interessierten Neuanfänger empfinde ich sie aber als unnötig kompliziert und hätte eher Bedenken, dass sie einem Einsteiger die Lust auf die Fährte verdirbt.

Als nächstes Buch auf der Leseliste:

Thomas Baumann „Mehrhundehaltung… gemeinsam zu mehr Harmonie“

Samstag, 5. September 2015

Die Erben der Enigma




Arbeitszeugnisse haben einen eigenen nicht mehr ganz so geheimen Code, diese Tatsache ist hinlänglich bekannt. Gleiches gilt für Immobilienanzeigen und Hotelbeschreibungen in Reisekatalogen. Doch auch in der Hundewelt treiben sich die Erben der Enigma herum und tarnen die Inhalte ihrer Verkaufsanzeigen in kunstvollen Verschlüsselungen.

Darum lasst uns einen kleinen Ausflug in die Welt der Hundeverkaufs- und Vermittlungsanzeigen machen und mit Staunen die wahre Bedeutung hinter den Worten decodieren.

Anzeigentext:

Sehr triebstarker und selbstbewusster Charakterrüde mit hervorragendem Spiel- und Beutetrieb sucht neuen Wirkungskreis bei erfahrenem Hundesportler. In B und C vorgearbeitet. Kennt Kinder. Im Rudel sehr dominant.

Übersetzung:

Hysterischer Balljunkie, der alles jagt was nicht bei drei auf dem Baum ist, sucht jemanden der sich einbildet eine Arschkrampe wäre der richtige Sporthund. Der Rüde hat in erster Linie schlechte Charaktereigenschaften und wenig Interesse an der Zusammenarbeit mit dem Hundeführer. Wenn man Spielzeug in der Hand hat, sollte man in seiner Nähe aufpassen, wenn man alle Finger behalten will.

Wir haben ihn mal mit auf dem Hundeplatz gehabt, haben ihn an der Leine neben uns her gezerrt und unser Figurant hat mal versucht ihm die Beißwurst wegzunehmen, aber keiner hatte so richtig Lust sich mit dem unsympathischen Vieh zu beschäftigen.

Ab und an Laufen draußen auf der Straße mal Kinder vorbei, die sieht er von seinem Zwinger aus und bislang hat er noch nicht versucht herauszuklettern und sie zu zerfleischen.

Unverbesserlicher Raufer, den man lieber nicht zu anderen Hunden lassen sollte.

Anzeigentext:

Rarität! Wunderschöne typvolle  Frenschi Welpen in Sonderfarben abzugeben! Unsere Special Edition ist auf der Suche nach passenden Familien, die das Extravagante zu schätzen wissen. Fünf wundervolle Welpen in Sonderlackierung sind ab xx.xx.xxxx abgabebereit. Bei Auszug mit Welpenpaket und Papieren.

Übersetzung:

Alle hergesehen, wir versuchen hier mit ein paar sinnfreien Schlagworten Werbung zu betreiben und hoffen, damit ein paar uninformierte Trottel zu finden, die glauben mit irgendwelchem sinnlosen SchnickSchnack ihre Minderwertigkeitskomplexe zu bekämpfen.

Wir haben irgendwo gelesen, dass diese Rasse gerade modern ist, aber wir wissen nicht, wie sie richtig heißt und es ist uns auch egal. Reinrassig sind die Hunde sowie so nicht, denn die neue Farbe fällt ja nun nicht über Nacht vom Himmel. Aber ist egal, sie sehen halbwegs so aus, wie die Hunde die man unter dem Namen in der Google Bildersuche findet.

Wenn ihr sie abholt gibt es auch ein paar schöne bunte Probepackungen von einigen Futteranbietern dazu, die wir gratis abgestaubt haben. Ein 50 Cent Spielzeug Made in Taiwan aus dem Restpostenmarkt unten an der Hauptstraße und einen Impfpass haben sie auch noch mit.

Anzeigentext:

Rasselmops die gesunde Alternative! Ideal für alle, die einen fröhlichen und intelligenten Begleiter wollen! Beide Eltern können besichtig werden. Vater hat Papiere. Eltern gesund!

Übersetzung:

Mischlingswelpen aus eigener Produktion zu überteuerten Preisen, denn immerhin haben wir uns die Mühe gemacht, aus den Rassenamen der Elterntiere – bei denen wir von einem nicht einmal wissen, wie es richtig heißt – ganz lustig und kreativ eine neue Rassebezeichnung für unsere Welpen zu erfinden. Wir haben keine Ahnung, zu was diese Mischung gut sein soll, aber die Schlagworte ziehen ja fast immer, wenn jemand einen Hund in der Größe sucht. Es war nicht der erste Wurf und wird auch nicht der letzte gewesen sein und wirklich Gedanken über Genetik und so, haben wir uns auch nicht gemacht, Wir haben halt zwei Hunde, da gibt es eben regelmäßig Nachwuchs. Der Rüde hat Papiere, die Mutter und die Welpen selbstverständlich nicht. Die Eltern wurden schon mal geimpft und vom Tierarzt abgehört bevor wir die Wurmtabletten bekommen haben, dem ist damals nichts aufgefallen, dass die Hunde krank wären.

Anzeigentext:

Familienhund abzugeben. Leider haben wir nihct mehr genug Zeit für unsere Libling. Deshalb suchen wir neuen Platz für unser Welpe. Vater war Goldenretriver Mutter Bordercolli. Ist lib auch zu Kinder, fast stubenrein und sehr verschmusst. 10 wochen alt. Preis: Ausgaben ersetzen

Übersetzung:

Wir haben uns vor zwei Wochen im Nachbarort aus einer Laune heraus irgendeinen Welpen geholt, ohne so richtig zu wissen, welche Rassen da beteiligt waren, auch wenn der Verkäufer es irgendwie erwähnt hat und dummerweise hat sich jetzt herausgestellt, dass man sich ja auch irgendwie darum kümmern muss, weil das Vieh sonst in die Wohnung pinkelt. Auch wenn er schon recht lange durchhält, wenn man ihn ins Badezimmer sperrt.

Die Kinder haben ihn eine zeitlang rumgeschleppt, aber die haben jetzt auch schon das Interesse verloren und jetzt macht das Vieh die ganze Zeit in die Wohnung. Wir interessieren uns nicht mehr für den Hund, eigentlich haben wir nicht einmal Lust, diese Anzeige zu schreiben, aber von alleine verschwindet der Hund ja auch nicht. Wir haben kaum was dafür bezahlt, aber der Hund hat hier Futter bekommen, wir haben ein Halsband gekauft und die Schuhe die er kaputt gebissen müssen ebenso ersetzt werden wie der Badezimmerteppich, der jetzt nach Urin stinkt und das Geld darf der nächste Besitzer schön rausrücken.

Anzeigentext:

Mini-Schäfi- Hündin geboren 04/15 Die kleine X hat noch nicht viel Gutes erlebt und sucht nun einen Menschen der ihr zeigt wie schön das Leben sein kann. Sie ist sehr sanft und zurückhaltend und sucht geduldige Hundeliebhaber. Die Zeit drängt, X sitzt noch in Y, Tötungstermin ist bereits anberaumt.

Übersetzung:

Kleiner brauner Mischling mit Stehohren und halblangem Fell bei dem wir keine Ahnung haben, welche Rassen mitgemischt haben, aber Schäfi klingt süß und darunter kann sich jeder was vorstellen. Wir wissen auch nicht wann der Hund geboren wurde und was er erlebt hat, aber jung und gequält zieht immer. Der Hund hat Angst vor alles und jedem, da er aber nicht aggressiv reagiert, kann man das ja auch nett umschreiben und es wird ja auch jemand gesucht, der seinen ganzen Alltag um die Panikattacken des Hundes organisiert. Kennenlernen könnt ihr den Hund nicht, wenn ihr ihn wollt, bringen wir ihn direkt zu euch. Damit ihr nicht lange überlegt haben wir noch den Tötungstermin dazu geschrieben, denn sonst sucht ihr euch vielleicht doch noch einen anderen Hund.

Anzeigentext:

Hallo Frau/Mann, schon Hund, klein Familie kauf Kredit. Tibetan Dackel Puppi. Für Baunhof auf Hus. Sehr schon und sonders!

Übersetzung:

Ok ich gestehe, bei Manchem bin auch ich mit meinem Latein am Ende....
 
 
Und falls sich jemand fragt.... nein, diese Texte sind nicht frei erfunden sondern standen in dieser Form (inklusive der kreativen Rechtschreibung) in den Ebay-Kleinanzeigen und Verkaufs-/Vermittlungsgruppen auf Facebook.

Freitag, 4. September 2015

Drama Baby, Drama!


 
 
Eine neue Epidemie grassiert unter den Welpenbesitzern. Sie greift immer mehr um sich, füllt bereits diverse Themen in Hundeforen und wird auch in den sozialen Netzwerken angeregt diskutiert. Doch seltsamerweise wie heftig die Symptome auch ausfallen, allen Welpenbesitzern wird gesagt, dass was sie durchmachen sei vollkommen normal und gesund.

Die Rede ist vom Welpenblues.

Gut möglich, dass man selbst noch nie etwas davon gehört hat und auch ich war reichlich verwirrt, als ich das erste Mal davon las. Von den betroffenen Welpenbesitzern wird eine ganze Charge an Symptomen aufgezählt, beginnend bei Schlaflosigkeit, über Antriebs- und Appetitlosigkeit über Durchfall und Erbrechen, bis zu Existenz- und Versagensängste, begleitet von Heulkrämpfen und Nervenzusammenbrüchen. Nur fürs Protokoll, es geht hier um die Anschaffung eines netten, gesunden und normal geprägten Welpens und nicht einem totkranken Psychowrack vom Vermehrer.

Die Neu-Hundebesitzer erzählen von ihren Ängsten, den psychosomatischen körperlichen Symptomen, die diese Panik und der Stress bei ihnen auslöst und andere sitzen verständnisvoll nickend vor dem Bildschirm und bestätigen eifrig, dass eine solche Reaktion vollkommen normal sei, schließlich sei man unter großem Druck, alles richtig zu machen und da seien solche Reaktionen nichts ungewöhnliches. Immer mehr User stimmen in den Chorus ein, beschwichtigen die Welpenkäufer, sie hätten das ja alle durch und das sei nichts Außergewöhnliches und schon gar nichts, worüber man sich Sorgen machen müsse.

Auch ich erinnere mich noch gut an die Welpenzeit von Mr Ekko und Cardassia und ja, nach der vierten schlaflosen Nacht und dem zweiten Paar zerfetzter Lederreithandschuhe, gab es Momente in denen ich überlegt habe, wieso ich mir das antue und ob es nicht doch einen Versuch wert wäre, die kleine Kröte an den Welpenöhrchen einfach an die nächste Wand zu nageln. Aber depressive Anwandlungen, weil ein kleiner tapsiger Hund nun durch mein Leben läuft, habe ich nie auch nur im Ansatz verspürt.

So etwas habe es auch schon früher gegeben, verkünden die Vertreter des Welpenblues vollmundig. Nur sei es damals gesellschaftlich nicht so akzeptiert gewesen, über solche Dinge zu sprechen. Ich muss gestehen, mich beschleicht eher das Gefühl, dass es früher schlicht nicht üblich war, um Hunde ein solches Gewese zu machen. Früher hat man sich überlegt, wofür man den Hund haben möchte, wo es die passende Rasse gibt und hat sich einen Hund gekauft. Heutzutage machen manche aus dem Leben mit Hund eine Doktorarbeit. Noch bevor man weiß, welche Rasse es überhaupt sein soll, hat der durchschnittliche Welpenblues-Kandidat vierdutzend Ratgeber gelesen, fünf Trainingsmethoden in der Theorie durchprobiert, die Für-und-Wider von sechs verschiedenen Fütterungsmethoden durchdiskutiert und kann das Symptomverzeichnis der Schul- und Alternativmedizin aus dem FF aufsagen.

Schon vor dem Einzug wird der Hund zum überhöhten Wesen, mit dessen Perfektion das eigene Schicksal steht und fällt. Was für andere einfach eine alltägliche Sache ist, wird für diese Leute zum Prüfstein der eigenen Wertigkeit. Ist der Welpe am dritten Tag noch nicht stubenrein, wird an den eigenen Fähigkeiten gezweifelt. Lernt der Knirps nicht in der ersten Woche ordentlich an der Leine zu laufen, stürzt das Selbstbewusstsein ins bodenlose. Also sitzt man heulend vorm PC und holt sich Rat von Gleichgesinnten, die das Alles abnicken und als ganz natürliche Reaktion auf die Veränderung im Leben bezeichnen.

Auch wenn es in der heutigen Zeit schon fast sozial anerkannt ist, Probleme nicht zu behandeln, sondern sich mit ihnen anzufreunden und zum individuellen Lifestyle zu erheben, muss ich an dieser Stelle einfach einmal sagen:

NEIN, ES IST NICHT NORMAL!

Wenn mich eine solch kleine Veränderung wie der Einzug eines gesunden, freundlichen Welpens derart aus der Bahn werfen kann, dann habe ich ein anderes, schwerwiegenderes Problem in meinem Leben, mit dem ich mich auseinandersetzen sollte. Ein Welpe der auf seinem Deckchen einen Kauknochen knabbert, ist kein Grund für Panikattacken und wenn mich die kleinen Konflikte, die der Einzug des Vierbeiners mit sich bringt, in einen derartigen seelischen Abgrund stürzen kann, sollte ich mir – eventuell mit professioneller Hilfe – der Frage stellen, wie ich reagiere, wenn wirklich einschneidende Geschehnisse eintreten. Denn wenn mich schon ein eigentlich freudiges Ereignis an den Rande des Nervenzusammenbruches bringt, was passiert beim Tod eines Familienangehörigen, bei einer Kündigung oder einer schweren Erkrankung?

Der Welpenblues mag in die heutige Zeit passen, zeigt er doch die bisweilen sehr übertriebene Bedeutung, die der Hund im Leben mancher Menschen einnimmt. Als normal sollte man diese psychologische Entwicklung nicht hinnehmen.